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Josefa Mack

Zu den Bildern:

Die Fotos zeigen Josefa Mack im Jahr 1944 (DALIBRI CC-SA 4.0/bearbeitet), Schwester Maria Imma Mack 1989 (Angerkloster München)

und ihre Gedenktafel in Möckenlohe  (Gemeinfrei)

Eine Tarcisia unserer Tage -

Josefa Macks Fahrten ins KZ Dachau 1944/45

von Klemens Hogen-Ostlender

Josefa Mack war buchstäblich ein Sonntagskind. Sie erblickte das Licht der Welt am 10. Februar 1924 in Möckenlohe, einem Dorf bei Eichstätt in Oberbayern. Heute gehört der 700 Einwohner zählende Ort zur Gemeinde Adelschlag. Der Vater des Mädchens war Zimmermann, die Mutter Hausfrau. Josefa wuchs mit zwei Geschwistern auf. Die Neunjährige feierte ihre Erstkommunion 1933. Auf einem Foto von diesem Tag ist sie in einem weißem Spitzenkleid zu sehen, mit einem ebenso weißen Blumenkranz um den Kopf und einer großen dekorierten Kerze in der Hand. In jenem Jahr änderten sich die politischen Verhältnisse in Deutschland dramatisch – ein Umstand, der auf Josefa Macks Leben noch entscheidenden Einfluss haben sollte.

Schon früh bekam sie im Elternhaus kritische Gespräche über die politischen Ereignisse mit. In der Dorfschule erlebte sie eine ebenso ablehnende Haltung gegenüber dem aufkommenden Nationalsozialismus. Ein Erlebnis prägte sich Ihr ein: Als Drittklässlerin musste Josefa in der Schule eine Hitlerrede mit anhören. Die schreiende, sich überschlagende Stimme war für sie ein Alptraum. Ein einziges Mal begegnete sie einer Jüdin, der Betreiberin des Eichstätter Kaufhauses Guttentag, in dem das Mädchen seinen ersten Mantel gekauft bekam. Die Erinnerung an die freundliche Frau ließ sie später hart getroffen sein vom grausamen Leid, das über die Juden hereinbrach.

Ein ungewöhnlicher Einkaufsauftrag

Josefa Mack fühlte sich schon früh zum Glauben hingezogen. Sie wollte dem Orden der Armen Schulschwestern von unserer Lieben Frau beitreten. Die Kongregation versteht sich als geistliche Erbinnen des Heiligen Augustinus. Josefa Mack ging im Alter von 16 Jahren zur Ausbildung in das Handarbeitslehrerinnenseminar des 1833 gegründeten Ordens in München-Au. Im Januar 1942 musste sie wegen der zwangsweisen Schließung des Seminars durch die Nationalsozialisten ihre Ausbildung abbrechen und kam zur Mithilfe im Kinderheim und als Lehrling für Damenschneiderei als Kandidatin nach Freising ins Kloster St. Klara. Im Mai 1944 erhielt sie einen nur scheinbar alltäglichen Auftrag. Sie sollte Blumen und Gemüse für das Kinderheim besorgen. Ein Handwerker, der mit Häftlingen aus dem KZ Dachau zusammenarbeitete, hatte berichtet, dass diese Männer großen Hunger leiden müssten. Schon seit längerem hatten die Ordensschwestern ihm Brot für die Gefangenen mitgegeben. Nun sollte Josefa Mack mit einem Lehrmädchen zum Einkaufen ins Lager fahren und erkunden, was dort vor sich ging.

Wo der Deutsche Pfeffer wächst

Zum Versuchsgut der SS im Konzentrationslager Dachau gehörte eine Verkaufsstelle, in der Bewohner der umliegenden Gemeinden Gartenprodukte erwerben konnten. Es war ein unscheinbares kleines Häuschen mit angrenzendem Gewächshaus, Teil der berüchtigten „Plantage“, in der Häftlinge bei Wind und Wetter harte körperliche Arbeit leisten mussten, die vielen das Leben kostete. Auf Befehl von Heinrich Himmler wurde dort versucht, Deutschland von Gewürzimporten unabhängig zu machen. Ein Projekt war der „Deutsche Pfeffer“. Die Plantage war wie die anderen Unternehmen im KZ dazu bestimmt, Gewinne zu erwirtschaften, um den Betrieb des Konzentrationslagers zu finanzieren. Josefa Mack und ihre Begleiterin erreichten am 16. Mai ihr Ziel vom Bahnhof Dachau aus zu Fuß. Durch die „Straße der SS" kamen sie an schönen Villen der Schutzstaffel-Führungskräfte vorbei auf einem holprigen Fußweg zu den Baracken der Häftlinge.

Noch ein Stück weiter war der junge Häftling Ferdinand Schönwälder in der Verkaufsstelle tätig. Er stammte aus dem Sudetenland, hatte in Warschau Theologie studiert, den Doktorgrad erworben und die Priesterweihe empfangen. Er war zunächst misstrauisch, fasste im Gespräch mit Josefa aber bald Vertrauen, als er ihre guten Absichten erkannte. Was er aus dem KZ-Alltag berichtete, vermittelte ein Bild von Hunger, brutalen Strafen bei kleinsten Verstößen gegen die Lagerordnung, von Not und Tod und grenzenlosem Hass der SS auf die gefangenen Männer im Priesterblock. Ferdinand Schönwälder bereitete Gemüse und Blumen für den Verkauf vor, konnte den Mädchen aber nichts mehr mitgeben, weil ein SS-Mann dazu kam und den Pater ansprach. Vorher hatte er Josefa aber noch gebeten, wiederzukommen und beim nächsten Besuch ein paar Hostien und ein Fläschen Messwein mitzubringen, damit polnische Priesterkameraden heimlich die Messe feiern könnten.

Christenverfolgung wie in der Urkirche

Zurück im Kinderheim ging Josefa wie eine Traumwandlerin durch die nächsten Tage. Die Schwestern, vor allem ihre Oberin, teilten ihr Erschrecken und ihre Trauer und bestärkten sie darin, ihre geheime Hilfsaktion fortzusetzen. Für die 20jährige begann so, wie sie es selbst ausdrückte, „das schöne Werk der Caritas auf den Wegen der göttlichen Vorsehung“. Immer wieder hatte sie einen Gedanken: „Was da in Dachau geschieht, das ist ja wie in der Urkirche. Das ist doch eine richtige Christenverfolgung“. Ihre Eindrücke von den Häftlingen schilderte sie später einmal so: „Sie haben ja so viel gehungert dort im KZ. Für alle konnte man es sowieso nicht machen. Es war schrecklich. Aber ich habe immer gehofft, dass ich durchkomme. Ich war nie ängstlich, dass ich erwischt werden könnte. Ich war so jung, ich habe viel jünger gewirkt, als ich wirklich war. Ich hab schon harmlos gewirkt. Ich war ja doch ein unschuldiges Mädel.“ Eine Woche später war Josefa Mack wieder im KZ, mit Brot, das die anderen Schwestern vom Eigenbedarf abgezweigt hatte und den Mitbringseln für die polnischen Priester. Diesmal bekam sie Pflanzen und Blumen für das Kinderheim mit. Ferdinand Schönwälder bat sie auch, einiger Briefe anderer Häftlinge an sich zu nehmen und in Freising bei der Post aufzugeben. 

Josefa Mack riskiert ihr Leben

Er verheimlichte ihr nicht, dass dies ein möglicherweise lebensgefährliches Unternehmen war. Schon auf den Versuch, Post aus dem Lager zu schmuggeln, stand die Todesstrafe, die auch vollzogen wurde, wenn die SS jemand erwischte. Ferdinand Schönwälder sagte ihr auch, dass er sie aus Sicherheitsgründen nicht mit ihrem Namen ansprechen und ihren Namen auch nie im Gespräch mit Kameraden erwähnen würde. Er nannte sie immer nur „Mädi“. Josefa Mack erklärte sich trotz aller Gefahr zum Hilfsdienst bereit. Die Möglichkeit, Post an der Zensur vorbei verschicken zu können, sprach sich herum. Mit der Zeit wurden es immer mehr Briefe, die die illegale Kurierin beförderte. Im Gegenzug brachte sie Lebensmittel ins Lager, so viel die Freisinger Schwestern entbehren konnten, und auch Medikamente. Vor allem für die polnischen Priester, die nicht in die Kapelle im KZ durften, nahm sie außerdem weiter Hostien und Messwein mit. Jede Woche kam Josefa von da an ins Konzentrationslager, mit dem Zug bis Dachau und dann vom Bahnhof aus zu Fuß.

Mit schwer bepacktem Fahrrad

Als der Zug wegen eines Bombenangriffs auf die Stadt einmal nicht nach München hinein durfte, nahm Josefa für die letzten zehn Kilometer ab Oberschleißheim ein Fahrrad. Damit konnte sie mehr befördern als vorher. Auf den Gepäckträger kamen stets Pakete, Lebensmittel auf dem Hinweg, Pflanzen und Gemüse auf der Rückfahrt. Auf beiden Seiten des Lenkers hingen außerdem gut gefüllte Einkaufstaschen. Das einzige Fahrrad des Kinderheims benutzte sie ab da jedes Mal. Nach einem Zwischenfall bei einem Besuch, bei dem ein SS-Posten sie angesprochen hatte, dachte sie auf der Rückfahrt „Wenn du erwischt wirst, werden sie herausfinden, woher du kommst“. Zwar nahm sie nie einen Ausweis mit nach Dachau. Aber an diesem Tag wurde ihr bewusst, dass sie durch ihre Tätigkeit nicht nur sich selbst, sondern auch die anderen Schwestern in St. Klara, die sie unterstützten, in Gefahr brachte.

Zwei Briefe

In der ersten Adventwoche 1944 erteilte Ferdinand Schönwälder “Mädi“ ihren wichtigsten Auftrag. Der schwer tuberkulosekranke Häftling und Diakon Karl Leisner hatte den Herzenswunsch, zum Priester geweiht zu werden. Nachdem kurz zuvor ein Bischof, der Franzose Gabriel Piguet, als Häftling ins KZ gekommen war, war dies nun auch möglich. Der Heimatbischof aus Münster und der für Dachau zuständige Münchner Kardinal Michael von Faulhaber mussten aber vorab ihr Einverständnis geben. Karl Leisner hatte bereits im September selbst an Bischof von Galen geschrieben. Damals hatte Josefa Mack von der geplanten Weihe noch keine Kenntnis. Wie Leisners Brief aus dem KZ herauskam, ist aber nicht eindeutig geklärt. Nun gab Ferdinand Schönwälder „Mädi“ zwei andere Briefumschläge, die nicht verschlossen waren. Sie sollte den Inhalt beider Schreiben erst ihrer Oberin zu Lesen geben und wenn die zustimmte, die verschlossenen Briefe den Empfängern zukommen lassen. Der erste war für den Jesuitenfrater Johannes Zawacki. Er enthielt die Bitte, dass er Josefa Mack zum Adressaten des zweiten Briefs zur persönlichen Übergabe begleiten möge. Mit Einverständnis der Oberin schickte Josefa diesen Brief dem Frater in Pullach.

Erlaubnis vom Kardinal

Der kam in der Woche darauf ins Kinderheim und nahm die junge Frau mit ins Erzbischöfliche Palais. Dort übergab sie den zweiten Brief direkt an den Kardinal.  Der Erzbischof ließ sich eingehend informieren, stellte einige Fragen, bat dann um ein wenig Geduld und zog sich mit seinem Sekretär zurück. Eine halbe Stunde später überreichte er seiner Besucherin einen Brief mit seiner Erlaubnis für die Priesterweihe. Der Sekretär überreichte die heiligen Öle, die nötigen Ritualbücher und eine Stola. Umgehend brachte Josefa Mack alles zu Pater Ferdinand. Die Antwort des Bischofs von Münster war bereits eingetroffen. Am dritten Adventssonntag des Jahres 1944 konnte die Priesterweihe Karl Leisners tatsächlich stattfinden. Eine Woche später feierte der Neupriester seine Primizmesse. Es sollte seine einzige bleiben. Ferdinand Schönwälder schrieb in einen Bericht: „Sein Primizsegen galt auch den Schwestern aus Freising, insbesondere unserem tapferen Mädi“. Karl Leisner erlebte zwar noch die Befreiung des Konzentrationslagers, starb aber keine vier Monate später in einem Sanatorium.

Bis zum vorletzten Tag

Josefa Mack fuhr auch 1945 Woche für Woche nach Dachau.  Als sie nach starkem Schneefall und im dichten Schneetreiben ihr schwer bepacktes Fahrrad einmal die ganzen zehn Kilometer von Oberschleißheim mühsam schieben musste, stieg sie entschlossen auf den Materialtransport auf einem Schlitten um. Im Lager wurde der Hunger immer schlimmer. Typhus breitete sich außerdem aus. Die Schwestern von St. Klara sammelten in Freising an Medikamenten, was sie nur konnten. Nachdem der Schnee wieder geschmolzen war, wurden die Fahrten immer gefährlicher. Tiefflieger beschossen immer wieder die Züge. Am 28. April fuhr Josefa Mack zum letzten Mal zu Pater Ferdinand, trat ihn aber nicht an. Er hatte sich anscheinend wie andere im KZ zurückgebliebene Gefangene versteckt. Josefa Mack sah dort fast keinen Menschen mehr. Die SS hatte zahllose Häftlinge auf Todesmärschen evakuiert. Einer dieser Elendskolonnen begegnete Josefa auf dem Rückweg. Am nächsten Tag befreiten amerikanische Truppen das Lager. Das KZ Dachau war Geschichte.

Eintritt in den Orden

Ende August 1945 trat Josefa Mack ins Noviziat der Schulschwestern ein und nahm den Ordensnamen Schwester Maria Imma an.Ein Jahr später legte sie ihre Profess ab. Als junge Schwester wirkte sie danach als Handarbeitslehrerin an der Volksschule in Garmisch. Ab 1949 unterrichtete sie nach Ablegung des Staatsexamens als Handarbeitslehrerin an den ordenseigenen Schulen in München-Au, der Mädchen-Mittelschule und der Fachakademie für Hauswirtschaft. 1951 legte sie die Meisterprüfung als Damenschneiderin ab.1982 beendete Schwester Imma ihren Schuldienst. Sie blieb in der Gemeinschaft in München-Au und arbeitete im Kloster weiter als Schneiderin. In ihren letzten Lebensjahren verbrachte sie dort ihren Ruhestand. Erst auf vielfaches Drängen gewährte Schwester Imma in ihrem Buch „Warum ich Azaleen liebe“ 1989 Einblick in ihre Fahrten ins KZ Dachau. Den Titel wählte sie, weil ihr Häftlinge für einen Besuch bei ihren Eltern im Januar 1945 vier rosarote Azaleenstöcke geschenkt hatten. In ihrem Buch ging Schwester Maria Imma auch auf ihre frühe Prägung im Glauben ein: „Meine Eltern hatten mir selbstverständliche Gläubigkeit und schlichte Frömmigkeit vermittelt. Bei uns zuhaue wurden keine langen Gebete gesprochen, und es wurde auch nicht viel von Gott geredet; aber das ganze Tun und Sein war vom Glauben durchdrungen und vom Gebet getragen“.

Ehrungen

In einer Ansprache kurz nach dem Kriegsende würdigte Kardinal Faulhaber die Verdienste von Schwester Maria Imma Mack. Er hob hervor, dass die junge Botin in das Dunkel und die abgrundtiefe Not des Konzentrationslagers wagemutig Trost und Hilfe brachte, ohne an die Gefahr und ihre eigene Sicherheit zu denken. Bei einer persönlichen Begegnung hatte er sie einmal „eine Tarcisia unserer Tage“ genannt – eine Anspielung auf den Heiligen Märtyrer Tarcisius, einen zwölfjährigen Ministranten, der nach der Überlieferung im 3. Jahrhundert heimlich konsekrierte Hostien zu gefangenen Christen brachte, die auf ihre Hinrichtung warteten. In Anerkennung ihrer Verdienste erhielt Schwester Imma Maria viele Ehrungen. Darunter sind die Auszeichnung der Stadt München „München leuchtet“, die Aufnahme als als Ritterin in die französische Ehrenlegion, weil sich unter den von ihr versorgten Häftlingen auch viele Franzosen befanden, der Bayerische Verdienstorden, das Bundesverdienstkreuz I. Klasse und der päpstliche Ehrenpreis, das Ehrenkreuz Pro Ecclesia et Pontifice.  Aber die schönste schönste Ehrung stammt von der Schulschwester Beatrix Mayrhofer, der langjährigen ehemaligen Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs: „Ohne Schwester Imma wäre Karl Leisner vielleicht nie Priester geworden. Sie hat als junge Frau das Unmögliche möglich gemacht – mit einem Fahrrad, einem offenen Herzen und einer großen Portion Mut.“ Schwester Maria Imma Mack starb 2006 im Alter von 82 Jahren in ihrem Kloster in München und wurde auf dem Münchner Ostfriedhof beigesetzt.

 

 

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