

Bild: Friedrich Percyval Reck-Malleczewen. Foto: public domain
Friedrich Percyval Reck-Malleczewen - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 666 Deutsche. Einer von ihnen ist Friedrich Percyval Reck-Malleczewen.
Wechselfälle
Es war in Leben voller Brüche. Friedrich Percyval Reck-Malleczewen [gesprochen Malletseven], Sohn des ostpreußischen Rittergutsbesitzers und konservativen Reichstagsabgeordneten Hermann Reck und dessen Frau Emma, erblickte am 11. August 1884 auf dem elterlichen Gut Malleczewen im Kreis Lyck in Masuren das Licht der Welt. Er wollte Musiker werden, trat aber auf Drängen des Vaters nach dem Abitur dem Infanterieregiment Großherzog von Sachsen in Jena bei. Die Offizierslaufbahn brach er nach einem halben Jahr bereits wieder ab und studierte in Königsberg und Innsbruck Medizin. 1911 wurde er zum Dr. med. promoviert, war Assistenzarzt an der Universitätsklinik Königsberg, gab aber auch diese Stelle bald auf, um für Zeitungen zu schreiben.
1908 heiratete Reck die Deutsch-Baltin Anna-Louise Büttner. Der Ehe entstammten vier Kinder. Während Frau und Kinder von Königsberg nach Pasing bei München zogen, reiste Reck 1912 zum Teil als Schiffsarzt nach Süd- und Nordamerika. Er sandte der Ostpreußischen Zeitung regelmäßig Berichte. 1913 Jahr trat er eine Stelle als Feuilletonredakteur bei der neu gegründeten Süddeutschen Zeitung in Stuttgart an und wurde 1914 Intendanzvolontär am Königlichen Hof- und Nationaltheater in München. Da Reck unter Diabetes mellitus litt, wurde er im Ersten Weltkrieg nicht einberufen. 1930 wurde die Ehe 1930 nach langer Trennung geschieden. Bereits 1913 hatte Reck in München die jüdische Buchhändlerin Irma Glaser kennengelernt. 1917 wurde sie seine Sekretärin, dann seine Lebensgefährten und wohnte in Pasing mit ihm zusammen. Nach fast 20 gemeinsamen Jahren starb Irma Glaser 1933, im Jahr der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers, an einer Gasvergiftung in seinem Haus. Die NS-Behörden stellten eine ungeklärte Ursache fest. Für Reck war klar: Sie hatte sich umgebracht.
Zweite Ehe
Im selben Jahr gab Reck seinen protestantischen Glauben auf und wurde katholisch. Er bezog das Gut Poing im Chiemgau, das er Jahre zuvor gekauft hatte. Poing wiederum hatte er gegen das Schloss Schnaittach in Mittelfranken getauscht, das er 1920 erworben hatte. 1935 heiratete Reck Irmgard von Borke, die Adoptivtochter eines befreundeten Adeligen. Aus dieser Ehe gingen drei Töchter hervor. Vom September 1944 bis zum Kriegsende versteckte das Ehepaar Reck auf seinem Gut die Jüdin Albertine Gimpel vor dem Zugriff der Gestapo. Das hatte eine lange Vorgeschichte. 1937 hatte der befreundete Maler Franz Herda die Jüdin Albertine Gimpel kennengelernt. Als im November 1941 die Deportationen der Juden begannen, versprach Herda ihr, ihr in der Not zu helfen. Als Albertine Gimpel in ein „Judenhaus“ umziehen musste und es im Mai 1943 geräumt werden sollte, brachte er sie in der Wohnung seines Bekannten Eduard Winkler unter. Bis August verbarg sie sich dort in einem kleinen Zimmer. „Ich war eine Gefangene“, schrieb Gimpel 1954, „und dazu kam noch die ständige Angst, entdeckt zu werden, und die damit verbundene Gefahr für meine Gastgeber.“ Aus Rücksicht auf die nervliche Anspannung von Winklers Frau brachte Frank Herda seinen Schützling eines Tages in sein Atelier, wo sie bis Mai 1944 versteckt blieb. Als er befürchte, sie könne sich den Behörden stellen, weil das Leben im Versteck für sie unerträglich geworden war, brachte er sie zu seiner Tochter Vera Manthey. Im September kam sie schließlich zu Friedrich und Irmgard Reck-Malleczewen.
Schlüsselromane
Sein Leben lang versuchte Reck, seinen sozialen und wirtschaftlichen Abstieg zu verarbeiten, der mit dem herkunftsbedingten Bewusstsein, einer Elite anzugehören, nicht zu vereinbaren war. 1923 hatte er, vielleicht als Kompensation, seinem Namen Friedrich Reck-Malleczewen „Percyval“ hinzugefügt. Er schrieb seit Jahren vor allem auf Verkäuflichkeit zugeschnittene Bücher und hatte 1931 geäußert „Ich kann nicht mehr … wie bislang die besten Dinge, die ich zu sagen habe, für mich behalten und Romane für Dienstmädchen und Droschkenkutscher schreiben [...] und Werke, die nur ich schreiben kann, als Torsi liegen lassen.“ Doch der Schriftsteller wandelte sich, wurde politisch. Noch nach vier Jahren NS-Herrschaft konnte er 1937 seinen Wiedertäuferroman „Bockelson. Geschichte eines Massenwahns“ veröffentlichen. Er schilderte den Niedergang der ständisch-konservativen Stadt Münster im 16. Jahrhundert, die sich unter dem Einfluss des kleinbürgerlichen Demagogen Bockelson zur Diktatur entwickelte. Die Parallele zwischen dem Täuferreich unter seinem „Führer“ Jan Bockelson mit dem „Tausendjährigen“ Reich war für sensible Leser nicht zu übersehen. 1937 erschien auch der Band „Charlotte Corday. Geschichte eines Attentats. Er bezog sich darauf, dass die Attentäterin 1793 den Revolutionär Jean Paul Marat erstach, der sich einerseits als Ideal des Slogans Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit darzustellen wusste, andererseits aber durchaus mit einer Diktatur liebäugelte und sich gleich selbst als Diktator empfahl. Corday rechtfertigte sich damit, sie haben „einen Mann getötet, um hunderttausend zu retten“ - ein Gedanke, der auch Hitler-Attentätern nicht fremd war.
Das unvollendete Fragment „Das Ende der Termiten. Ein Versuch über die Biologie des Massenmenschen" stellt schließlich einen Vergleich an: Was die bösartige Krebszelle für den menschlichen Organismus, ist der „Termiten-Typ“ für eine „gesunde“ gegliederte Gesellschaft. Angefangen von der Antike Griechenlands und Roms zeichnete Reck die geistesfeindliche Wirkung der schleichenden „Verpöbelung“ nach und sah die Kulturzersetzungen der frühen Neuzeit im Nationalsozialismus zu Höchstform auflaufen. Weil er wusste, dass das Manuskript ihn um Kopf und Kragen bringen konnte, vergrub er die Aufzeichnungen auf seinem Gut, – und so überlebte es das Kriegsende. Seine Bücher, die antiquarisch und manchmal im normalen Buchhandel noch erhältlich sind, erschienen übrigens damals wie heute ohne das „Percyval“ im Autorennamen.
Tagebuch eines Verzweifelten
Reck hatte anfänglich gehofft, der Nationalsozialismus könne die gesellschaftliche Nivellierung des Individuums aufhalten. In seinem 1936 begonnenen „Tagebuch eines Verzweifelten“ zeigt sich, dass seine Hoffnung in Hass umschlug. Für ihn war das Dritte Reich eine Karikatur Deutschlands, „die man von ganzem Herzen hassen muß, wenn man es wirklich liebt“. Er bezeichnete die Angehörigen des NS-Systems als „Herde böser Affen“. Den Widerständlern vom 20. Juli 1944 um Claus Schenk Graf von Stauffenberg warf er vor, Hitler an die Macht gebracht zu haben. Den studentischen Widerständlern der Weißen Rose um die Geschwister Scholl galt dagegen seine Sympathie. Durch eine Denunziation wurde Friedrich Reck-Malleczewen 1944 von der Gestapo verhaftet. Kurze Zeit später entließ man ihn jedoch wieder und bescheinigte ihm, dass weder politisch noch strafrechtlich etwas gegen ihn vorliege.
Der Denunziant, ein Verlagsdirektor, setzte jedoch durch, dass Reck kurz vor Silvester 1944 wegen „Verunglimpfung der deutschen Währung“ erneut verhaftet, ins Gestapogefängnis München gebracht und dort gefoltert wurde. Man warf ihm vor, er habe sich in einem Brief an seinen Berliner Verleger die Bezahlung in Reichsmark verbeten, weil darauf „kein Nickel mehr zu setzen sei“. Am 9. Januar 1945 wurde Friedrich Reck-Malleczewen ins KZ Dachau gebracht, wo er wenig später starb. Die Umstände seines Todes sind nicht überliefert. Genickschuss und eine Fleckfiebererkrankung wurden genannt, als Todesdatum der 16./17. und der 24. Februar 1945. Seine Häftlingskarteikarte nennt den 16. Februar. Auch nachdem ihr Mann ins KZ kam, versteckte seine Frau Irmgard Albertine Gimpel. Der Denunziant wurde nach einem Zeitungsbericht 1948 zu drei Jahren Arbeitserziehungslager verurteilt.
Nach dem Krieg heirateten Franz Herda und Albertine Gimpel und wanderten in die Vereinigten Staaten aus.1962 kehrten sie nach Bayern zurück. Am 14. Januar 2014 wurden Friedrich Reck-Malleczewen, seine zweite Frau Irmgard Reck-Malleczewen und Franz Herda, dessen Tochter Vera Mantey sowie ihr Ehemann Richard Marx für ihre Mitwirkung an der Rettung von Albertine Gimpel von der Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern anerkannt.
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