

Fotos: Hendrika Jacoba Heinsius. Foto: Yad Vashem; Das Krematorium im KZ Ravensbrück. Foto: Matthias Süßen CC-AS 4.0
Hendrika Gerritsen-Heinsius – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Eine von ihnen ist Hendrika Jacoba Gerritsen-Heinsius.
Hendrikas bester Freund stirbt in Mauthausen
Am 12. April 1921 wird Hendrika Heinsius in Amsterdam geboren. Ihre Eltern Andreas Johannes und Hendrika Jacoba bekommen 1930 eine zweite Tochter. Hendrikas Vater ist Diamantarbeiter. Da diese Industrie damals fast völlig in jüdischen Händen ist, hat Hendrika schon früh viele jüdische Freunde und Bekannte. Nach ihrer Schulzeit beginnt sie im Warenhaus De Bijenkorf zu arbeiten, einem jüdischen Familienbetrieb, in dem auch die meisten Mitarbeiter Juden sind. Unter der deutschen Besatzung lebt Hendrika dann allein in einem kleinen Haus. Ihr bester Freund, Rudolf Richter, ist ein aus Deutschland in die Niederlande geflüchteter Jude. Bei einer Razzia wird er am 11. Juni 1941 mit 300 anderen jungen Männern verhaftet und kommt zunächst ins Lager Schoorl in den Dünen beim gleichnamigen Dorf in Nordholland. Dann wird er ins KZ Mauthausen bei Linz in Österreich deportiert und stirbt dort nach nur wenigen Monaten am 22. September. Hendrika ist zutiefst erschüttert, als sie von seinem Tod erfährt. Ein anderer jüdischer Freund, Leo Zwart, wohnt damals in Harderwijk ostwärts von Amsterdam. Er soll kurz darauf wie die meisten Juden im Land in die Großstadt umgesiedelt werden, eine Maßnahme, die den deutschen Besatzern später die Deportation möglichst vieler Juden in die Vernichtungslager im Osten erleichtern soll. Als Hendrika Heinsius das erfährt, bietet sie Leo an, ihn zu verstecken.
Intensive Mitarbeit im Widerstand
Sie mietete eine Zweizimmerwohung, in die sie beide einziehen. Das geht so lange gut, bis Leo am 6. November 1942 auf offener Straße festgenommen und in das Durchgangslager Westerbork deportiert wird. Hendrika wird von den Behörden verhört, jedoch nicht verhaftet. Sie hat fortan das Gefühl, beobachtet zu werden. Längere Zeit traut sie sich deshalb nicht an neue illegale Aktivitäten. Dann bittet eine Kollegin sie Anfang 1943 um Hilfe. Ihr jüdischer Freund Siegfried Goldsteen muss untertauchen. Er ist aus einem Arbeitslager für Juden geflohen. Hendrika gibt ihm Unterkunft in ihrer Wohnung und stiehlt im Warenhaus bei ihrem Arbeitgeber Lebensmittelkarten, um ihn versorgen zu können. Wenige Wochen später findet sie ein sichereres Versteck für Siegfried. Einige Zeit später ziehen sie in eine größere Wohnung: Zu der gehört ein Versteck, das auch eine Hausdurchsuchung unentdeckt überstehen kann. Auch Siegfrieds Bekannte Judith Fransman wird dort als erste untergebracht. Ein Freund im Verteilungsbüro für Lebensmittelkarten organisiert eine Möglichkeit für Hendrika, zusätzliche Marken auch für Judith zu bekommen. Hendrika weitet ihre Aktivitäten im Untergrund außerdem auf Bitten von Kameraden aus Amsterdamer Widerstandskreisen aus. Regelmäßig fährt sie nun in die Provinz Drenthe im Nordosten des Landes, um dort hergestellte gefälschte Papiere für Untergetauchte abzuholen. Die dünn besiedelte Gegend ist zu einem Zentrum für solche Aktivitäten im Untergrund geworden.
Süßlicher Geruch in Ravensbrück
Im Mai 1943 bringt Hendrika Isidore Walvisch in ein Versteck in Meppel in Drenthe. Die Operation ist äußerst riskant, auch weil seine Papiere schlecht gefälscht sind. Sie holt Isidore später Meppel zurück, als dort seine Verhaftung droht. Ihr Glück endet in der Nacht zum 2. Februar 1944. Die Wohnung wird von einem gemischten Trupp niederländischer Einsatzkräfte und deutscher Vorgesetzter gestürmt, Hendrika und Siegfried verhaftet. Sie erfährt später nur, dass Ihr Freund im Juni 1944 irgendwo in Osteuropa ums Leben gekommen sei. Hendrika selbst wird zunächst am 1. März 1944 noch in den Niederlanden als völlig rechtloser „Schutzhäftling“ mit der Nummer 10118 ins KZ Herzogenbusch eingeliefert. Dann kommt sie am 9. September mit der neuen Nummer 66835 ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. In ihrer Biografie schreibt sie später: „Durch das Tor marschierten wir singend ins Lager. Noch einmal sangen wir, dass sie uns nicht klein kriegen würden, dass wir am Ende doch siegen würden.“ Doch nach dem ersten Tag im KZ gesteht Hendrika: „Danach haben wir in Ravensbrück nicht mehr gesungen“. Verwirrung und Entfremdung breiten sich aus. Hendrika bekommt mit, das Schwangere im KZ Kinder zur Welt bringen. Was wird aus ihnen werden? Sie bemerkt auch einen süßlichen Geruch, den der Wind oft durchs Lager weht. Er kommt von den Schornsteinen des Krematoriums. Hendrika wird etwas Zynisches bewusst: „Ein Bild drängte sich auf, das Bild vom Kreislauf des Lebens. In diesem Lager vollzog sich der ganze Kreislauf, es wurde geboren, gearbeitet und gelitten, dann folgten die Abstumpfung, der körperliche Verfall und schließlich der Tod. Dann ging man in Rauch auf. Und die Lebenden atmeten den Geruch ein bis zu dem Tag, an dem auch ihre Zeit gekommen war.“
Im Agfa-Kommando
Hendrika Heinsius bleibt nicht lange in Ravensbrück. In überfüllten Viehwaggons wird sie im zahlreichen Kameradinnen nach dreitägigem Transport am 15. Oktober ins KZ Dachau eingeliefert. Gleich nach der Ankunft kommt sie, nun mit der Nummer 123180, in das Außenlager, für das sie schon in Ravensbrück ausgesucht worden war: Das Agfa-Kommando in München-Giesing. Für hunderte Frauen beginnt dort jeder Tag um fünf Uhr morgens mit einem Appell. Dann müssen sie 20 Gehminuten weit quer durch die Stadt zum Agfa-Werk marschieren. Es gehört zum weitverzweigten IG-Farben-Konzern. Die Frauen werden dort gezwungen, Zeitzünder für Flachgranaten und Bauteile für andere Waffenysteme zu montieren. In der Werkshalle arbeiten auch zivile deutsche Frauen. Hendrika kommt an einem Tisch, an dem auch eine gewisse Frau Wölfl und ein Fräulein Bähr sitzen. Frau Wölfl isst in einer Arbeitspause einen Apfel und bietet Hendrika auch einen an. Sie kann es nach der unmenschlichen Behandlung in Herzogenbusch und Ravensbrück nicht fassen: „Eine deutsche Frau hat mir einen Apfel mitgebracht!“ Immer um 18 Uhr werden die weiblichen Häftlinge in ihr Quartier in einem halb fertigen Wohnblock gebracht. Trotz häufiger Bombenangriffe dürfen die Gefangenen keinen Schutz in Bunkern suchen. Vor Weihnachten schwindet die Hoffnung auf baldige Freilassung durch die deutsche Gegenoffensive in den Ardennen. Nach dem Jahreswechsel ist die Straße aus Dachau wegen der Luftangriffe und Zerstörungen so gut wie unpassierbar. Lebensmitteltnachschub bleibt aus. Viele unterernährte und überarbeitete Frauen erkranken an Typhus, Tuberkulose und und anderen Seuchen, kämpfen aber darum, so lange wie möglich im Kommando bleiben zu können, da die Verlegung in das überfüllte Krankenrevier im Stammlager mit hoher Wahrscheinlichkeit ihren Tod bedeuten würde.
„Die Welt war weiß, wir waren frei“.
Da geschieht etwas in der Geschichte der Konzentrationslager Einmaliges. Die Frauen streiken, obwohl darauf wegen Sabotage die Todesstrafe steht. Hendrika Heinsius schreibt später in ihren Memoiren: „Was am 12. Januar 1945 schließlich den Ausschlag gegeben hat, weiß ich eigentlich nicht mehr. Obwohl, soweit ich weiß, nie über die Möglichkeit eines Streiks gesprochen worden war, wurde kurz nach der Mittagspause plötzlich vorn im Saal die Arbeit niedergelegt. [...] Kurz danach saßen alle holländischen Frauen, als ob sie sich verabredet hätten, mit verschränkten Armen da“. Mary Vaders, eine andere Niederländerin, wird von einer weiteren Gefangenen als Anstifterin denunziert und in den „Bunker“ im KZ Dachau gebracht, aber nicht wie eigentlich schon beschlossen hingerichtet. Am 23. April endet die Arbeit. Material fehlt. Die Gefangenen dürfen in der Stimmung allgemeiner Auflösung selbst entscheiden, ob sie im Quartier bleiben oder mit dem Kommandanten nach Süden marschieren wollen. Hendrika entschied sich mit einigen Kameradinnen, den Marsch mitzumachen. Nach zwei Tagen erreicht die Kolonne die Gegend von Wolfratshausen nicht weit vom Starnberger See. Ohne Bewacher streifen Gruppen von Frauen auf der Suche nach Nahrung durch die Landschaft. Am 30. April sind endlich amerikanische Panzer zu sehen. Überall werden weiße Fahnen aus Fenstern gehängt. Gleichzeitig fällt Schnee. Bei diesem Anblick drängt sich Hendrika der Vergleich mit dem Weiß der Kapitulation auf: „Diese Nacht hatte es geschneit. [...] Die Welt war weiß. Wir waren frei.” Über die Schweiz, Paris und Brüssel kommen die niederländischen Frauen am 21. Mai in ihrem Heimatland an. Soldaten bringen Hendrika vier Tage später nach Amsterdam. Für sie ist der Krieg zu Ende.
Ehrung in Jerusalem
Hendrika Heinsius wird von der niederländischen Regierung mit dem Widerstands-Gedenkkreuz ausgezeichnet. Ab 1946 arbeitet sie bei der „Stiftung 1940 – 1945”. Deren Aufgabe ist die Hilfe für Menschen, die aus deutschen Konzentrationslagern zurückgekehrt sind. Hendrika beantwortet am Telefon Fragen von Anrufern und versucht, ihnen bei der Lösung ihrer Probleme weiterzuhelfen. Im Büro lernt sie ihren späteren Ehemann Poet Gerritsen kennen, den sie 1950 heiratet. 1949 reisen beiden nach Deutschland und wollen in Naturfreundehäusern übernachten, weil sie dort wohl auf Menschen treffen werden, die „gut waren im Krieg”. In Limburg sieht Hendrika eines Tages eine Frau, die sie kennt: Eine ehemalige Aufseherin aus Ravensbrück. Sofort brechen beide die Reise ab. Kurze Zeit später erkrankt Hendrika schwer. In einer Klinik erfährt sie, dass sie wegen der körperlichen Strapazen in den Konzentrationslagern keine Kinder gekommen kann. Das ist eine erschreckende Diagnose für beide Eheleute.1968 kaufen sie sich einen alten Bauernhof abseits von Amsterdam und renovieren ihn. An jedem Wochenende fahren sie dorthin. 1989 macht das Paar eine Reise nach Israel. In Jerusalem wird Hendrika von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt. Sie erinnert sich an ihre Zeit in den Lagern und an einen Gedanken, den sie dort oft hatte: „Dass ich in dieser Zeit fortwährend Menschen um mich hatte, die meinten, mich hassen zu müssen, hat mich noch am meisten verwirrt. Die Aufseherinnen in Ravensbrück warfen mir vor, dass ich dreckig und voller Läuse war. Darin bildete ich keine Ausnahme, aber ich nahm es doch persönlich. [...] Sie nannten mich ein faules Stück Dreckvieh, weil sie fanden, dass ich faul wäre. Darin bildete ich keine Ausnahme, aber ich nahm es doch persönlich. Manchmal schlugen sie mich mit einem Stock. Darin bildete ich keine Ausnahme, aber ich nahm es doch persönlich. [...] Die Vorwürfe, die Beleidigungen und das Schlagen waren also persönliche Racheaktionen; sie hassten mich sichtlich. Warum? Ich hatte ihnen doch nichts getan?“
Hendrika Gerritsen-Heinsius starb am 27. Dezember 1990 in Amsterdam.
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4043182
https://www.gedaechtnisbuch.org/gerritsen-heinsius-kiky/
https://www.delpher.nl/nl/kranten/view?coll=ddd&identifier=ABCDDD:010833219:mpeg21:a0223
https://archiv.hdbg.de/dachau/pdfs/10/10_02/10_02_03.PDF
https://www.verzetsmuseum.org/dachau/hendrika-jacoba-heinsius
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Foto: Jan Albert van der Heide. Foto: Yad Vashem
Jan Albert van der Heide – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Jan Albert van der Heide.
Deckname: de Hollander
Jan Albert van der Heide wurde am 2. April 1913 im Norden des Landes, ostwärts de Ijsselmeers in dem langgestreckten Straßendorf Nijensleek geboren. Seine Eltern betrieben ein Baustoffgeschäft. Nach dem Tod seines Vaters, der ebenfalls Jan hieß, übernahm die Mutter, Aaltje Berkenbosch, 1935 die Leitung, und der Sohn arbeitete weiterhin im Familienbetrieb. Drei Jahre später heiratete er Hennie Weij, und sie zogen in das Haus neben dem Geschäft. Nachdem die deutsche Wehrmacht die Niederlande im Mai 1940 besetzt hatte, gab es zahlreiche Menschen, die sich vor den neuen Herren im Land verstecken mussten. Juden wurden von Beginn an mehr und mehr ausgegrenzt und entrechtet. Im Januar 1942 begannen die Besatzer damit, jüdische Niederländer zum Umzug nach Amsterdam zu zwingen. Das sollte die Deportationen, die im Sommer desselben Jahres begannen, einfacher machen. Jan Albert van der Heide hatte sich wegen seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus längst entschlossen, in der Widerstandsorganisation LO (Landelijke Organisatie voor Hulp aan Onderduikers, Landesweite Organisation zur Hilfe für Untergetauchte) aktiv mitzuarbeiten. Er benutzte bei seiner lebensgefährlichen Tätigkeit den Decknamen „de Hollander“ (Der Holländer), obwohl er weder in Süd- noch in Nordholland lebte, sondern in einer ganz anderen Provinz der Niederlande, Drenthe.
Verstecke in Wäldern und Mooren
Das war eine der wichtigsten Regionen im ganzen Land für das „Onderduiken“ (Untertauchen). Da sie dünn besiedelt und schwer zugänglich war, wurden dort tausende Menschen versteckt: Weil das Durchgangslager Westerbork mitten in Drenthe lag, versuchten lokale Gruppen, Entflohene in dessen Umgebung unterzubringen. Auch viele junge Niederländer, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt werden sollten, fanden in den Bauernhöfen der Region Unterschlupf. Oft wurden provisorische Unterkünfte tief in den Wäldern oder Mooren errichtet. Durch Überfälle auf Verteilungsstellen beschaffte der Widerstand Tausende von Lebensmittelkarten, um die im Untergrund lebenden Menschen zu ernähren. Es gab spezialisierte Zellen, die Ausweise fälschten, um unbehelligt Kontrollen der Besatzer überstehen zu können. Der kleine Ort Nieuwlande war ein ganz besonderer Fall. Yad Vashem verlieh allen 117 Einwohnern des Dorfs 1988 die kollektive Auszeichnung Gerechte unter den Völkern.
Erkennungszeichen: Blume im Knopfloch
Jan van der Heide holte oft Menschen, die auf der Flucht vor den Deutschen oder den mit ihnen Kollaborierenden niederländischen Behörden waren, an den Bahnhöfen der Ortschaften Meppel oder Steenwijk ab. Als Erkennungszeichen trug er dabei stets eine Blume im Knopfloch. Manchmal handelte es sich bei den Schutzbedürftigen auch um Kinder aus Ballungsräumen, die aus Sicherheitsgründen auf dem Land untergebracht werden sollten. Unter ihnen waren oft auch jüdische Jungen und Mädchen. Da sie nicht allein mit dem Zug fahren konnten, wurden sie mit dem Lastwagen des Baustoffhandels abgeholt, der wegen der Treibstoffknappheit im Krieg auf einen Holzgasgenerator umgerüstet war. Arnold Roffelsen, ein Angestellter der Firma Van der Heide, fuhr den Lkw dann jeweils. Auf der Hinfahrt transportierte er Lebensmittel für Menschen im Untergrund, auf der Rückfahrt zwischen der üblichen Ladung von Baumaterialien, die Kinder. Die Familie Van der Heide nahm alle bei sich auf, bevor feststand, was ihre endgültigen Bestimmungsorte sein würden.
Ein Ehepaar muss weg aus Amsterdam
Im Juli 1943, ein Jahr nach Beginn der Deportationen, lebte das jüdische Ehepaar Hijman und Henriette Sarlui-De Haas immer noch in einem Unterschlupf in Amsterdam. Als das zu gefährlich wurde, brachten Mitgliedern der Widerstandsbewegung beide in ein Hotel in der Gemeinde Zaltbommel bei Rotterdam, um einer möglichen Verhaftung zuvorzukommen. Nach drei Tagen musste das Paar sich aber vorübergehend trennen. Henriette wurde in das nicht allzu weit entfernten Zeist bei Utrecht gebracht, wo sie für dreieinhalb Monate unterkommen konnte. Drei Wochen später erhielt Hijman, der noch immer im Hotel in Zaltbommel wohnte, die Anweisung, mit dem Zug nach Steenwijk im Norden ostwärts des Ijsselmeers zu fahren und sich bei seiner Ankunft am Bahnhof eine Blume ins Knopfloch zu stecken. Dort angekommen, begrüßte ihn Jan Albert van der Heide. Nach einigen Tagen bei ihm und seiner Familie brachten andere Widerstandskämpfer Hijman auf den Bauernhof von Sjoerd und Anne (Antje) Berg im nahegelegenen Wapserveen bei Drenthe.
Unterschlupf bis zur Befreiung
Sieben Wochen später holte Jan Henriette Sarlui-De Haas aus Zeist ab. Sie blieb einige Tage bei ihm, bevor er sie zu ihrem Mann auf dem Bauernhof der Bergs brachte, wo das Paar endlich wieder vereint war. All diese Ortswechsel waren ein Beispiel dafür, welchen Aufwand der Widerstand manchmal treiben musste, um untergetauchte Juden vor dem Zugriff ihrer Feinde zu schützen. Die beiden „Gäste“ wurden liebevoll aufgenommen. Sjoerd und Anne wollten unter keinen Umständen Geld von den Flüchtlingen annehmen. Vorsichtshalber und um die anderen zu schützen erzählten die Bergs ihren Verwandten nicht, dass sie jüdische Gäste auf ihrem Bauernhof hatten. Stattdessen war die offizielle Erklärung, dass Hijman zum Arbeitseinsatz nach Deutschland eingezogen werden sollte, sich aber nun bei ihnen verstecke, weil er sich der Aufforderung entziehen wolle. Immer wenn Gefahr drohte, versteckten sich Hijman und Henriette in einem eigens dafür errichteten Versteck. Beide blieben bis nach der Befreiung bei den Bergs. In den vielen Monaten, die die beiden Paare zusammenlebten, wurden sie sehr enge Freunde. Auch nach dem Krieg hielten sie Kontakt und betrachteten sich weiterhin als eine Familie.
Geheimcode aus dem Römerbrief
Als Anfang November 1943 ein Mitglied einer anderen Widerstandsgruppe verhaftet wurde, ahnte Jan van der Heide, dass dieses Schicksal bald auch ihn treffen könne. Er vertraute das auch seiner Familie und Bekannten an. Wenige Tage später, am 12. November 1943, wurden zwei Unbekannte in der Nähe des Heideschen Wohnhauses gesichtet. In der folgenden Nacht traf ein Einsatzkommando ein. Die Männer hatten zuvor die Telefonleitungen gekappt, damit ihr Opfer von niemand gewarnt werden konnte. Sehr wahrscheinlich nahm eine gemischte Einheit aus deutschen Führungskräften des SD und niederländischen Helfern Jan van der Heide fest. Er kam zuerst in Arnheim ins Gefängnis und konnte seiner Frau von dort tatsächlich eine kurze Nachricht zukommen lassen. Dann wurde Jan ins „Oranjehotel“ in Scheveningen verlegt. Es gelang Hennie, dort ein letztes Mal kurz mit ihm zu sprechen. Am 20. Mai 1944 wurde Jan ins deutsche Konzentrationslager Herzogenbusch, das in den Niederlanden lag, verlegt. Vier Tage später fuhr sein Transportzug von dort direkt nach Dachau. Er brachte auch hunderte von Jans Landsleuten mit. Gelegentlich konnte Jan van der Heide kurze Nachrichten nach Hause schicken, die den strengen Vorschriften der Lagerverwaltung entsprachen. Geschickt verwandte er eine Art Code, den die Zensoren der SS nicht erkannten, der den Verwandten zuhause aber begreiflich machte, wie die Verhältnisse im KZ waren. Der gläubige Christ Jan verwendete Stellen aus dem Römerbrief.
Eine Ladung Steine und die Todesnachricht
Sein letzter Brief vom Dezember 1944 traf erst nach der Befreiung zuhause ein. Da war Jans van der Heide schon seit vielen Wochen nicht mehr am Leben. Er starb am 30. Januar 1945, einem Dienstag, im Block 11. Der diente im Winter 1944/45 zeitweise als Teil des ausgeweiteten Reviers beziehungsweise als Isolierblock für Schwerkranke und Patienten mit Infektionskrankheiten. Als offizielle Todesursache wurde Enteritis (Darmentzündung) notiert. Das könnte darauf hindeuten, dass auch dieser Häftling ein Opfer der weit verbreiteten Flecktyphus-Epidemie wurde, da Auszehrungskatarrhe oft eine Begleiterscheinung von Flecktyphus waren. Die Lagerärzte gaben aber oft auch erfundene allgemeine Diagnosen an, um die tatsächlichen Bedingungen wie systematisch herbeigeführten Hunger, Erschöpfung oder Folgen von Misshandlungen zu verschleiern. Drei Monate später wurde der Fahrer Arnold Roffelsen auf eine 350-Kilometer-Fahrt in die Provinz Limburg im Südosten des Landes an der deutschen Grenze geschickt, um eine Steinlieferung abzuholen. Am Bestimmungsort traf er mehrere Männer, die ihm erzählten, sie seien in Dachau gewesen. Auf die Frage, ob sie Jan van der Heide kennen würden, bejahten sie das, bedauerten aber sagen zu müssen, dass er im Winter gestorben war. Sie gaben dem Fahrer Jans Rasierzeug mit, den einzigen Besitz, den man ihm im Lager offenbar gelassen hatte, und sagten ihm, sie hätten es der Familie später bringen wollen. Die lange Rückfahrt fiel Arnold Roffelsen umso schwerer, je näher er Nijensleek kam, hofften Hennie und die übrige Familie zuhause doch noch auf die sichere Rückkehr Jans. Zwei Jahre sollte es noch dauern, bis sie das genaue Datum seines Todes erfuhren. Und erst am 3. Mai 1950 war es wirklich amtlich, nachdem ein Beamter des Sonderstandesamtes Arolsen das Dienstsiegel auf die vom Internationalen Suchdienst beantragte Sterbeurkunde drückte.
Am 25. Oktober 1978 wurden Jan Albert van der Heide, Sjoerd Berg und seine Frau Anne Berg-Postma von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt.
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4043221https://www.openarchieven.nl/tkr:8cd4a2c2-05f1-f1b3-8823-424547db4796/de
https://t-fledderkerspel.nl/personen-javanderheide/
https://www.erelijst.nl/jan-albert-van-der-heide
https://de.wikipedia.org/wiki/Arolsen_Archives
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
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