

Bildtexte: Herbert Herden, Bild: Yad Vashem; Herbert Herden mit seiner Verlobten Felicia; Bild: Yad Vashem; Das Tor zum Ghetto von Krakau. Bild: public domain
Herbert Herden - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau
Von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im KZ eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum Jahr 2025 haben 28486 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 659 Deutsche und 115 Österreicher. Dies ist die Geschichte von Herbert Herden.
„Ich handelte als Christ“
Herbert Herden erblickt am 8. Januar 1915 in Aylsdorf, 50 Kilometer südwestlich von Leipzig, das Licht der Welt. Spärlich sind Angaben über seine Kindheit und Jugend. Als junger Mann entscheidet er sich, zur Polizei zu gehen und lebt jetzt in Hohenmölsen, näher an der Großstadt Leipzig. Im Winter 1939/40, kurz nach dem Sieg der deutschen Wehrmacht über Polen, wird er zur Nachrichtenabteilung der Polizei in Krakau versetzt und ist dort für die Koordinierung der Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Gütern zuständig. Kann es sein, dass jemand an diesem Ort zu dieser Zeit nicht zum Täter wird? Herbert Herden gelingt das aus seiner tiefen christlichen Überzeugung heraus. Die deutsche Besatzungsverwaltung weist ihm eine Dienstwohnung zu. Dort wohnen allerdings eigentlich die 16-jährige Felicia Lieber und ihre Mutter. Herden erlaubte den beiden Jüdinnen, in der Wohnung zu bleiben und nimmt sie später in eine ihm neu zugewiesene Unterkunft mit. Er versteckt obendrein den Vater und die Großmutter Felicias.
Rettung vor dem Ghetto
Schon damit begibt er sich in Lebensgefahr. Erst recht, als er seinen Schützlingen gefälschte „arische“ Papiere besorgt, damit sie nicht in das Ghetto umziehen müssen, in das immer mehr Juden gezwungen werden. März 1941 wird es abgeriegelt. Nach und nach werden die dort eingepferchten 15000 Juden erschossen oder in Vernichtungslager deportiert, bis das Ghetto zwei Jahre später aufgelöst wird. Herbert Herden hat sich in Felicia verliebt und will sie heiraten. Bei einem Heimaturlaub soll sie seine Frau werden. Im Dezember 1941 bringt er seine Verlobte, die fließend Deutsch spricht, in das Haus seiner Eltern in der Lindenstraße 31 in Hohenmölsen, in einer Wohngegend am Rand der Stadt. Das junge Paar plant, gemeinsam durch die Schweiz nach England zu fliehen. Daraus wird aber nichts, weil Felicia ihre Mutter nicht im Stich lassen will. Herbert Herden kehrt mit ihr nach Krakau zurück, wo die Situation der jüdischen Bevölkerung immer verzweifelter wurde.
Vom Nachbarn denunziert
Der deutsche Polizeibeamte tut wirklich alles in seiner Macht stehende, um Felicia und ihre Verwandten zu schützen. Ihrem Bruder Ignacy Lieber in Przemyśl besorgte er Lebensmittel und Geld. Als er erfährt, dass Ignacy verhaftet ist hingerichtet werden sollte, eilte er nach Przemyśl, um vom Leiter des dortigen Ghettos, Oberscharführer Josef Schramberger, seine Freilassung zu erreichen. Ignacy Lieber kommt statt in Freiheit nach Auschwitz. Der SS-Männer wird nach 1945 als Kriegsverbrecher zu lebenslanger Haft verurteilt und verbüßt sie wegen der Schwere seiner Schuld auch bis zu seinem Tod 2004. In Krakau geschieht die Katastrophe. Im Sommer 1944 werden Felicia und ihre Mutter denunziert und verhaftet. Ein polnischer Nachbar hat sie offenbar auf der Straße erkannt. Felicia wird nach Auschwitz-Birkenau deportiert und stirbt später auf dem Transport zum Lager Stuhlfauth bei Danzig. Ihre Mutter kommt in das heute aus dem Film „Schindlers Liste“ bekannte Lager Płaszów und wird sofort bei ihrer Ankunft erschossen. Die Gestapo verhaftet Herbert Herden und deportiert ihn im Juli 1944 ins Konzentrationslager Dachau.
Vergebliche Suche
Als er in den letzten Kriegsmonaten an die Front geschickt werden soll, gelingt ihm die Flucht. Er taucht bis zum Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschlands unter. Ignacy Lieber überlebt Auschwitz. Nach dem Krieg arbeitete er zwei Jahre lang für jüdische Hilfsorganisationen im bayerischen Landsberg. Er lädt Herbert Herden zu sich ein, und beide veröffentlichten gemeinsam eine Suchanzeige, die 1.000 Mark Belohnung für Informationen über das Schicksal Felicias verspricht – ein Betrag, der dem Lohn eines Arbeiters von vielen Monaten entspricht. Aber alles ist vergebens. Ignacy Lieber emigriert in den neu gegründeten Staat Israel. Der Kontakt mit Herden, der in die alte Heimat gezogen ist, reißt ab. Hohenmölsen liegt jetzt hinter dem Eisernen Vorhang in der sowjetischen Besatzungszone. Dort gerät er bald mit der Staatsmacht in Konflikt und flieht in den Westen. Mit Inge, die inzwischen seine Ehefrau ist, siedelt er sich im oberpfälzischen an Flossenbürg an.
Späte Ehrung
Außerhalb seiner Familie spricht er kaum über seine Vergangenheit. Sie wäre vielleicht nie bekannt geworden, hätte es in Flossenbürg von 1938 bis 1945 nicht auch ein Konzentrationslager gegeben, in dem mehr als 30 000 Menschen umgebracht wurden. Bei einem Überlebenden treffen kommt Herden mit einem Juden zusammen, der den Holocaust überlebt hat. Die beiden kommen ins Gespräch, erzählen sich ihr Leben. Der andere gibt Yad Vashem einen Hinweis. Nachforschungen führen zu Ignaz Lieber, der kurz vor seinem Tod alles bestätigt. Herbert Herden wird nach einer intensiven Prüfung die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“ zuerkannt, die höchste, die Israel an Nicht-Juden vergibt. Ein Vertreter der israelischen Botschaft in Berlin überreicht Herden am 4. November 2004 im Rathaus von Flossenbürg Medaille und Urkunde. Als Beweggrund für sein Handeln gibt der Geehrte seine tiefe Verwurzelung im Glauben an: „Ich handelte als Christ. Es war für mich eine aus dem Glauben resultierende Verpflichtung, Menschen zu helfen.“ Herbert Herden stirbt am 11. Februar 2009 in Flossenbürg.
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Quellen:
https://grokipedia.com/page/herbert_herden
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4406012
Fotos: Hendrika Jacoba Heinsius. Foto: Yad Vashem; Das Krematorium im KZ Ravensbrück. Foto: Matthias Süßen CC-AS 4.0
Hendrika Gerritsen-Heinsius – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Eine von ihnen ist Hendrika Jacoba Gerritsen-Heinsius.
Hendrikas bester Freund stirbt in Mauthausen
Am 12. April 1921 wird Hendrika Heinsius in Amsterdam geboren. Ihre Eltern Andreas Johannes und Hendrika Jacoba bekommen 1930 eine zweite Tochter. Hendrikas Vater ist Diamantarbeiter. Da diese Industrie damals fast völlig in jüdischen Händen ist, hat Hendrika schon früh viele jüdische Freunde und Bekannte. Nach ihrer Schulzeit beginnt sie im Warenhaus De Bijenkorf zu arbeiten, einem jüdischen Familienbetrieb, in dem auch die meisten Mitarbeiter Juden sind. Unter der deutschen Besatzung lebt Hendrika dann allein in einem kleinen Haus. Ihr bester Freund, Rudolf Richter, ist ein aus Deutschland in die Niederlande geflüchteter Jude. Bei einer Razzia wird er am 11. Juni 1941 mit 300 anderen jungen Männern verhaftet und kommt zunächst ins Lager Schoorl in den Dünen beim gleichnamigen Dorf in Nordholland. Dann wird er ins KZ Mauthausen bei Linz in Österreich deportiert und stirbt dort nach nur wenigen Monaten am 22. September. Hendrika ist zutiefst erschüttert, als sie von seinem Tod erfährt. Ein anderer jüdischer Freund, Leo Zwart, wohnt damals in Harderwijk ostwärts von Amsterdam. Er soll kurz darauf wie die meisten Juden im Land in die Großstadt umgesiedelt werden, eine Maßnahme, die den deutschen Besatzern später die Deportation möglichst vieler Juden in die Vernichtungslager im Osten erleichtern soll. Als Hendrika Heinsius das erfährt, bietet sie Leo an, ihn zu verstecken.
Intensive Mitarbeit im Widerstand
Sie mietete eine Zweizimmerwohung, in die sie beide einziehen. Das geht so lange gut, bis Leo am 6. November 1942 auf offener Straße festgenommen und in das Durchgangslager Westerbork deportiert wird. Hendrika wird von den Behörden verhört, jedoch nicht verhaftet. Sie hat fortan das Gefühl, beobachtet zu werden. Längere Zeit traut sie sich deshalb nicht an neue illegale Aktivitäten. Dann bittet eine Kollegin sie Anfang 1943 um Hilfe. Ihr jüdischer Freund Siegfried Goldsteen muss untertauchen. Er ist aus einem Arbeitslager für Juden geflohen. Hendrika gibt ihm Unterkunft in ihrer Wohnung und stiehlt im Warenhaus bei ihrem Arbeitgeber Lebensmittelkarten, um ihn versorgen zu können. Wenige Wochen später findet sie ein sichereres Versteck für Siegfried. Einige Zeit später ziehen sie in eine größere Wohnung: Zu der gehört ein Versteck, das auch eine Hausdurchsuchung unentdeckt überstehen kann. Auch Siegfrieds Bekannte Judith Fransman wird dort als erste untergebracht. Ein Freund im Verteilungsbüro für Lebensmittelkarten organisiert eine Möglichkeit für Hendrika, zusätzliche Marken auch für Judith zu bekommen. Hendrika weitet ihre Aktivitäten im Untergrund außerdem auf Bitten von Kameraden aus Amsterdamer Widerstandskreisen aus. Regelmäßig fährt sie nun in die Provinz Drenthe im Nordosten des Landes, um dort hergestellte gefälschte Papiere für Untergetauchte abzuholen. Die dünn besiedelte Gegend ist zu einem Zentrum für solche Aktivitäten im Untergrund geworden.
Süßlicher Geruch in Ravensbrück
Im Mai 1943 bringt Hendrika Isidore Walvisch in ein Versteck in Meppel in Drenthe. Die Operation ist äußerst riskant, auch weil seine Papiere schlecht gefälscht sind. Sie holt Isidore später Meppel zurück, als dort seine Verhaftung droht. Ihr Glück endet in der Nacht zum 2. Februar 1944. Die Wohnung wird von einem gemischten Trupp niederländischer Einsatzkräfte und deutscher Vorgesetzter gestürmt, Hendrika und Siegfried verhaftet. Sie erfährt später nur, dass Ihr Freund im Juni 1944 irgendwo in Osteuropa ums Leben gekommen sei. Hendrika selbst wird zunächst am 1. März 1944 noch in den Niederlanden als völlig rechtloser „Schutzhäftling“ mit der Nummer 10118 ins KZ Herzogenbusch eingeliefert. Dann kommt sie am 9. September mit der neuen Nummer 66835 ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. In ihrer Biografie schreibt sie später: „Durch das Tor marschierten wir singend ins Lager. Noch einmal sangen wir, dass sie uns nicht klein kriegen würden, dass wir am Ende doch siegen würden.“ Doch nach dem ersten Tag im KZ gesteht Hendrika: „Danach haben wir in Ravensbrück nicht mehr gesungen“. Verwirrung und Entfremdung breiten sich aus. Hendrika bekommt mit, das Schwangere im KZ Kinder zur Welt bringen. Was wird aus ihnen werden? Sie bemerkt auch einen süßlichen Geruch, den der Wind oft durchs Lager weht. Er kommt von den Schornsteinen des Krematoriums. Hendrika wird etwas Zynisches bewusst: „Ein Bild drängte sich auf, das Bild vom Kreislauf des Lebens. In diesem Lager vollzog sich der ganze Kreislauf, es wurde geboren, gearbeitet und gelitten, dann folgten die Abstumpfung, der körperliche Verfall und schließlich der Tod. Dann ging man in Rauch auf. Und die Lebenden atmeten den Geruch ein bis zu dem Tag, an dem auch ihre Zeit gekommen war.“
Im Agfa-Kommando
Hendrika Heinsius bleibt nicht lange in Ravensbrück. In überfüllten Viehwaggons wird sie im zahlreichen Kameradinnen nach dreitägigem Transport am 15. Oktober ins KZ Dachau eingeliefert. Gleich nach der Ankunft kommt sie, nun mit der Nummer 123180, in das Außenlager, für das sie schon in Ravensbrück ausgesucht worden war: Das Agfa-Kommando in München-Giesing. Für hunderte Frauen beginnt dort jeder Tag um fünf Uhr morgens mit einem Appell. Dann müssen sie 20 Gehminuten weit quer durch die Stadt zum Agfa-Werk marschieren. Es gehört zum weitverzweigten IG-Farben-Konzern. Die Frauen werden dort gezwungen, Zeitzünder für Flachgranaten und Bauteile für andere Waffenysteme zu montieren. In der Werkshalle arbeiten auch zivile deutsche Frauen. Hendrika kommt an einem Tisch, an dem auch eine gewisse Frau Wölfl und ein Fräulein Bähr sitzen. Frau Wölfl isst in einer Arbeitspause einen Apfel und bietet Hendrika auch einen an. Sie kann es nach der unmenschlichen Behandlung in Herzogenbusch und Ravensbrück nicht fassen: „Eine deutsche Frau hat mir einen Apfel mitgebracht!“ Immer um 18 Uhr werden die weiblichen Häftlinge in ihr Quartier in einem halb fertigen Wohnblock gebracht. Trotz häufiger Bombenangriffe dürfen die Gefangenen keinen Schutz in Bunkern suchen. Vor Weihnachten schwindet die Hoffnung auf baldige Freilassung durch die deutsche Gegenoffensive in den Ardennen. Nach dem Jahreswechsel ist die Straße aus Dachau wegen der Luftangriffe und Zerstörungen so gut wie unpassierbar. Lebensmitteltnachschub bleibt aus. Viele unterernährte und überarbeitete Frauen erkranken an Typhus, Tuberkulose und und anderen Seuchen, kämpfen aber darum, so lange wie möglich im Kommando bleiben zu können, da die Verlegung in das überfüllte Krankenrevier im Stammlager mit hoher Wahrscheinlichkeit ihren Tod bedeuten würde.
„Die Welt war weiß, wir waren frei“.
Da geschieht etwas in der Geschichte der Konzentrationslager Einmaliges. Die Frauen streiken, obwohl darauf wegen Sabotage die Todesstrafe steht. Hendrika Heinsius schreibt später in ihren Memoiren: „Was am 12. Januar 1945 schließlich den Ausschlag gegeben hat, weiß ich eigentlich nicht mehr. Obwohl, soweit ich weiß, nie über die Möglichkeit eines Streiks gesprochen worden war, wurde kurz nach der Mittagspause plötzlich vorn im Saal die Arbeit niedergelegt. [...] Kurz danach saßen alle holländischen Frauen, als ob sie sich verabredet hätten, mit verschränkten Armen da“. Mary Vaders, eine andere Niederländerin, wird von einer weiteren Gefangenen als Anstifterin denunziert und in den „Bunker“ im KZ Dachau gebracht, aber nicht wie eigentlich schon beschlossen hingerichtet. Am 23. April endet die Arbeit. Material fehlt. Die Gefangenen dürfen in der Stimmung allgemeiner Auflösung selbst entscheiden, ob sie im Quartier bleiben oder mit dem Kommandanten nach Süden marschieren wollen. Hendrika entschied sich mit einigen Kameradinnen, den Marsch mitzumachen. Nach zwei Tagen erreicht die Kolonne die Gegend von Wolfratshausen nicht weit vom Starnberger See. Ohne Bewacher streifen Gruppen von Frauen auf der Suche nach Nahrung durch die Landschaft. Am 30. April sind endlich amerikanische Panzer zu sehen. Überall werden weiße Fahnen aus Fenstern gehängt. Gleichzeitig fällt Schnee. Bei diesem Anblick drängt sich Hendrika der Vergleich mit dem Weiß der Kapitulation auf: „Diese Nacht hatte es geschneit. [...] Die Welt war weiß. Wir waren frei.” Über die Schweiz, Paris und Brüssel kommen die niederländischen Frauen am 21. Mai in ihrem Heimatland an. Soldaten bringen Hendrika vier Tage später nach Amsterdam. Für sie ist der Krieg zu Ende.
Ehrung in Jerusalem
Hendrika Heinsius wird von der niederländischen Regierung mit dem Widerstands-Gedenkkreuz ausgezeichnet. Ab 1946 arbeitet sie bei der „Stiftung 1940 – 1945”. Deren Aufgabe ist die Hilfe für Menschen, die aus deutschen Konzentrationslagern zurückgekehrt sind. Hendrika beantwortet am Telefon Fragen von Anrufern und versucht, ihnen bei der Lösung ihrer Probleme weiterzuhelfen. Im Büro lernt sie ihren späteren Ehemann Poet Gerritsen kennen, den sie 1950 heiratet. 1949 reisen beiden nach Deutschland und wollen in Naturfreundehäusern übernachten, weil sie dort wohl auf Menschen treffen werden, die „gut waren im Krieg”. In Limburg sieht Hendrika eines Tages eine Frau, die sie kennt: Eine ehemalige Aufseherin aus Ravensbrück. Sofort brechen beide die Reise ab. Kurze Zeit später erkrankt Hendrika schwer. In einer Klinik erfährt sie, dass sie wegen der körperlichen Strapazen in den Konzentrationslagern keine Kinder gekommen kann. Das ist eine erschreckende Diagnose für beide Eheleute.1968 kaufen sie sich einen alten Bauernhof abseits von Amsterdam und renovieren ihn. An jedem Wochenende fahren sie dorthin. 1989 macht das Paar eine Reise nach Israel. In Jerusalem wird Hendrika von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt. Sie erinnert sich an ihre Zeit in den Lagern und an einen Gedanken, den sie dort oft hatte: „Dass ich in dieser Zeit fortwährend Menschen um mich hatte, die meinten, mich hassen zu müssen, hat mich noch am meisten verwirrt. Die Aufseherinnen in Ravensbrück warfen mir vor, dass ich dreckig und voller Läuse war. Darin bildete ich keine Ausnahme, aber ich nahm es doch persönlich. [...] Sie nannten mich ein faules Stück Dreckvieh, weil sie fanden, dass ich faul wäre. Darin bildete ich keine Ausnahme, aber ich nahm es doch persönlich. Manchmal schlugen sie mich mit einem Stock. Darin bildete ich keine Ausnahme, aber ich nahm es doch persönlich. [...] Die Vorwürfe, die Beleidigungen und das Schlagen waren also persönliche Racheaktionen; sie hassten mich sichtlich. Warum? Ich hatte ihnen doch nichts getan?“
Hendrika Gerritsen-Heinsius starb am 27. Dezember 1990 in Amsterdam.
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4043182
https://www.gedaechtnisbuch.org/gerritsen-heinsius-kiky/
https://www.delpher.nl/nl/kranten/view?coll=ddd&identifier=ABCDDD:010833219:mpeg21:a0223
https://archiv.hdbg.de/dachau/pdfs/10/10_02/10_02_03.PDF
https://www.verzetsmuseum.org/dachau/hendrika-jacoba-heinsius
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