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Abbé Jules Jost

Abbé Jules Jost

Foto: Jules Jost, Rechte:  Fédération des Enrolés de Force

Biografie über einen besonderen luxemburger Geistlichen unter den inhaftierten Geistlichen im KZ Dachau

 

Jules Jost  und der Schrecken von Kaufering von Klemens Hogen-Ostlender

Jules Jost  kam 1914 in Rümelingen im Süden Luxemburgs unweit der französischen Grenze zur Welt. Nach seinem Studium in Metz und Luxemburg wurde er 1940 zum Priester geweiht und kam als Kaplan in die Pfarrei St. Joseph in Esch an der Alzette. Doch kurz zuvor war etwas geschehen, das sein Leben ganz entscheidend beeinflussen sollte. Im Mai hatte das NS-Regime die Niederlande, Belgien, Frankreich und Luxemburg überfallen. Den jungen katholischen Priesteramtsanwärter war sofort klar geworden: Mit der Besetzung seiner Heimat war nicht nur die Unabhängigkeit des Landes in Gefahr, sondern auch die christliche Religion. Tatsächlich versuchten die Nationalsozialisten,  den bislang starken gesellschaftlichen und politischen Einfluss der katholischen Kirche in Luxemburg zu unterdrücken. Sie befürchteten, dass die Menschen religiöse Zeremonien und Traditionen als Ausdruck des Protestes nutzen würden. Jules Jost begann, verfolgten Menschen, unabhängig von ihrer politischen oder religiösen Bindung beizustehen.

 

Verhaftung

Er engagierte sich in der Fluchthilfe für französische Kriegsgefangene und arbeitete bei dieser gefährlichen Tätigkeit mit örtlichen Unterstützern zusammen. Zahlreiche Gefangene, die in Deutschland zum Beispiel im Stammlager XII D auf dem Trierer Petrisberg interniert waren oder in dessen  Außenkommandos Zwangsarbeit leisten mussten, flohen von dort  und versuchten, sich über Luxemburg in ihr Heimat durchzuschlagen. Jules Jost nahm etliche von ihnen auf und verstecke sie in der Kirche im Beichtstuhl und im Pfarrhaus von Esch. Ab dem Sommer 1942 kam Fluchthilfe für Luxemburger hinzu, die sich der in Deutschland drohenden Zwangsarbeit entziehen wollten. Jost druckte nun auch Streikaufrufe. Zuerst wurden mehrere seiner Helfer verhaftet. Dann traf es Jules Jost selbst. Am 30. November 1942 nahm die Gestapo ihn wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ kurz nach der Messe an diesem Montag fest, durchsuchte das Pfarrhaus  und brachte ihn zunächst in ihre Luxemburger Zentrale.

Im Herbst kam er in das Konzentrationslager Hinzert im Hunsrück unweit von Trier. 1939 war es als „Polizeihaft- und Erziehungslager“ für „Arbeitsscheue“ eingerichtet worden. Ein Teil diente als „SS-Sonderlager“ der Inhaftierung von „Rückfälligen, notorischen Faulenzern und Gewohnheitstrinkern“. 1940 wurde alles in ein KZ umgewandelt. Bis zu seiner Räumung 1945 durchliefen rund 14.000 männliche Häftlinge im Alter zwischen 13 und 80 Jahren den Komplex. Der Kommandant, Paul Sporrenberg, hetzte nach der Ankunft des Neuzugangs als erstes seinen großen Schäferhund auf Jules Jost.  Am nächsten Tag kam der Häftling zum Dunkelarrest in den so genannten Bunker, in dem er bis kurz vor Weihnachten blieb. Sporrenberg waren die Soutanen der Geistlichen ein Dorn im Auge, sodass er sie graue Uniformen mit aufgenähten Pax-Zeichen auf Brust und Rücken tragen ließ. Im April 1943 war Jules Jost vorübergehend in „Schutzhaft“ im Luxemburger Gefängnis, kam später kurz in die Trierer Haftanstalt und wurde dann ins Konzentrationslager Dachau gebracht.

 

Ohrfeigen und Fußtritte

 Dort wurde er gleich beim Betreten des Lagers mit Ohrfeigen und Fußtritten traktiert. Zwei Tage später schrieb er den ersten Brief aus dem berüchtigten KZ an seine Verwandten daheim. „Dachau“  war nach einem Jahrzehnt seiner Existenz ein allseits gefürchteter Begriff. Negatives über die Zustände dort zu schreiben, hätte dem Häftling gleichwohl eine brutale Bestrafung eingebracht oder ihn vielleicht gar das Leben gekostet. So wählte Jost das Stilmittel der bombastischen Lobhudelei und schrieb unter der Einleitung „Meine Lieben“ Worte, bei denen dem SS-Zensor offenbar nicht auffiel, wie sarkastisch sie auf Angehörige eines Mannes wirken mussten, der vom Regime als Hochverräter behandelt wurde: „Nach guter Reise bin ich gut hier angekommen u. bin jetzt äußerst zufrieden u. überglücklich in meinem Los. Ich bin viel besser bestellt als vorher, seid also ohne Sorgen; ich erfahre hier nur Entgegenkommen u. Aufmerksamkeit“. Er erläuterte dann die Regeln für den Empfang von an Briefen und Paketen und bat um gelegentliche Zusendung von einigen Briefmarken sowie um „einen Geldbetrag von 10 – 20 Rm für Einkauf in der Kantine“. Zum Schluss wurde er wieder überschwänglich, diesmal aber tatsächlich angesichts des Wissens, dass es im Priesterblock eine Kapelle gab: „Das schönste Glück werde ich bald erfahren als Priester u. biete jetzt schon meiner lieben Mama als Namenstagsgeschenk meine erste Hl. Messe in Kommunion an.In diese Meinung schließe ich euch alle ein“. Für dieses schönste Glück mussten die in KZ gefangenen Priester allerdings früh aufstehen, denn die Messe hatte vor dem 5-Uhr-Morgenappell beendet zu sein. Jules Jost bemühte sich in Dachau von Anfang an, anderen zu helfen, wo immer er helfen konnte und erwarb sich dadurch Achtung und Respekt seiner Umgebung.

 

Der Hinrichtung entronnen

Am 22. Februar 1944 erhielt Jules Jost nach dem  Appell die Mitteilung, er würde entlassen. Ein bewaffneter SS-Mann brachte ihn dann aber am nächsten Morgen zum Dachauer Bahnhof zum Eilzug aus Wien. Dem war ein Gefängniswagen angehängt worden. Über Frankfurt sollte Jost mit Leidensgenossen nach Trier befördert werden. Endziel für alle  war nämlich nicht die Freiheit, sondern das KZ Hinzert. Dort sollten der Priester  und 29 weitere Luxemburger erschossen werden. Der Zug kam allerdings nur bis Frankfurt. Dort geriet der Zug nach Josts Bericht in einen Bombenangriff, durch den der Bahnhof in Mitleidenschaft gezogen wurde, und die Häftlinge konnten nicht weiter. Dieser Angriff ist in den geschichtlichen Quellen allerdings für den 2. März verzeichnet. Wieso es acht Tage dauerte, bis der Zug in Frankfurt ankam, ist nicht mehr nachvollziehbar. Die Gefangenen wurden jedenfalls zunächst in eine ehemalige Synagoge gesperrt. Mit einiger Verspätung erreichte Jules Jost  mit einigen Landsleuten, die ebenfalls nach Hinzert sollten, Trier. Dort wurden alle erneut ins Gefängnis gesperrt. Als man sie eines Morgens hinausführte, glaubten sie, sie würden gleich vor dem Erschießungskommando stehen. Alle kamen aber wieder zurück dorthin, wo ihre Irrfahrt begonnen hatte. Seine Kameraden begrüßten Jules Jost  am 11. März wieder in  Dachau. Erst nach dem Krieg erfuhr der Luxemburger die Hintergründe. 23 Luxemburger wurden im Konzentrationslager Hinzert tatsächlich erschossen. Jost und sechs weiteren hatte der Luftangriff also das Leben gerettet. Sie waren zu spät zur eigenen Hinrichtung gekommen und hatten so überlebt.  

Häftlinge aus dem Priesterblock durften aus dem KZ Dachau normalerweise nicht in eins der 149 Außenlager verlegt werden. Jost schaffte es im Laufe der Zeit aber, einen Posten in der „politischen Abteilung“ zu bekommen, die für das gesamte Registraturwesen des KZ (Aufnahme, Transport und Entlassung der Häftlinge) zuständig war. Dort  wurde er  als Schreiber eingesetzt und kam in die Außenlager im Bereich Kaufering und Landshut. Das war der größte Komplex von Außenlagern, die zum KZ Dachau gehörten. Dort  wurden drei riesige halb unterirdische Bunker für die Flugzeugproduktion des Düsenstrahljägers Messerschmitt Me 262 und andere Rüstungsprojekte begonnen. Als billige Arbeitskräfte schaffte die SS  ab dem 18. Juni 1944 zunächst aus Litauen und Ungarn stammende Juden aus dem KZ Auschwitz herbei. Bald kamen außerdem viele weitere jüdische Häftlinge aus anderen Lagern, die die Vernichtung bis dahin überlebt hatten, dazu.

 

Geheimes Zugangsbuch

Die Lager bestanden bis Ende April 1945. Die meisten Insassen mussten in primitivsten Erdhütten schlafen. Dafür wurden Gruben ausgehoben und mit simplen Holzdächern abgedeckt. Die hygienischen Verhältnisse und harte körperliche Arbeit forderten zahllose Opfer. Die Toten wurden in Massengräbern verscharrt. Nach dem Krieg entstanden an den aufgefundenen Orten KZ-Friedhöfe. Zum Jahreswechsel 1944/45 wurde das Außenlager Kaufering IV in Hurlach zum „Sterbelager“ des  Komplexes umfunktioniert und unter Quarantäne gestellt, mit zunächst etwa 1400 und im April über 3000 Gefangenen. Darmkrankheiten, ÖdemeKrätze,Schwäche, Typhus und Lungentuberkuloe waren dort typische Todesursachen. Ohne die akribische Arbeit von Jules Jost wäre das Ausmaß des Elends heute nicht mehr bekannt. Er verzeichnete vom 18. Juni 1944 bis 9. März 1945 für die SS im Eingangsbuch exakt 28.838 Gefangene im offiziellen Zugangsbuch. Eine Abschrift, deren Entdeckung ihn das Leben gekostet hätte,  versteckte er so gut, dass sie nicht entdeckt wurde.

Dank dieser Aufzeichnungen steht fest, dass bis Ende April 1945 in den elf Lagern etwa 30.000 Häftling eingekerkert waren, unter ihnen 4.200 Frauen und 850 Kinder. Binnen nur zehn Monaten kamen nach Schätzungen aus früher Nachkriegszeit mindestens 14.500 Menschen ums Leben. Auch danach kamen weitere Transporte mit Häftlingen ein. Bis Ende Oktober 1944 wurde jeder, der nicht mehr arbeiten konnte, zurück nach Auschwitz in die Gaskammern geschickt. Allein im September und Oktober 1944 traf dieses Schicksal mehr als 1.300 Menschen. Der letzte Transport dorthin mit 1.020 Todeskandidaten aus fünf Kauferinger Lagern fand am 25. Oktober 1944 statt. Ab November hörten die Transporte auf, weil die Gaskammern in Auschwitz demontiert waren.

 

Selimar Frenkel

Jules Jost  kam in den  Kaufering-Lagern mit Tausenden von jüdischen Häftlingen in Kontakt, die aus Auschwitz-Birkenau dorthin verlegt worden waren. Er meditierte mit Rabbinern und erlebte mit, wie im Lager ein Kind geboren wurde. Er registrierte das Baby als Neuzugang und konnte nichts dagegen tun, dass es mit seiner Mutter als „unnütze Münder“ nach Auschwitz ins Gas geschickt wurde. Er begegnete dem berüchtigten SS-Arzt Josef Mengele und dem gefürchteten Schutzhaftlagerführer des KZ Auschwitz, Hans Aumeier. Jules Jost lernte aber unter anderem auch Selimar Frenkel kennen, der vor der Deportation im Ghetto von Kaunas in Litauen gelebt hatte. Im Lager Kaufering IV Hurlach war er im zionistische Untergrund aktiv. Als Redakteur und verantwortlicher Herausgeber der hebräischen Untergrund-Zeitschrift „Nitzotz“ („Der Funke“) spielte er dort eine wichtige Rolle. Die Ausgaben der Zeitschrift wurden einzeln mit der Hand geschrieben. Sie beschäftigten sich mit der Zukunft im Land Israel, den Verbrechen an den Juden und den politischen Konsequenzen daraus, zum Beispiel dem Umgang mit Kriegsverbrechern. Fünf der insgesamt 42 illegal angefertigten Exemplare von Nitzotz konnten dank der Hilfe von Abbé Jules Jost und eines spanischen Gefangenen gerettet werden. Sie finden sich heute in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und sind auch ins Englische übersetzt worden. Unter dem Namen Shlomo Shafir wurde Selimar Frenkel in Israel Journalist und Historiker und war unter anderem Chefredakteur des World Jewish Congress.

 

Befreiung

Am Nachmittag des 29. April 1945 befreiten amerikanische Truppen das Konzentrationslager Dachau. Mit ihnen kam ein Landsmann, über den Jules Jost festhielt:  „Vor uns stand – wir trauten kaum unseren Augen –  Prinz Félix. Staubig und todmüde, ergriffen und stolz, war er 19 Stunden lang ununterbrochen durchgefahren mit seinem Flügeladjutanten Paul Koch und wollte uns als Erster den Gruß den Dank der Heimat überbringen. In diesem Augenblick war alles Leid vergessen und wir waren froh und stolz, treu ausgeharrt zu haben und wieder freie Luxemburger zu sein“. Prinz Félix von Luxemburg (der Urgroßvater des heutigen Prinz Félix) war der Ehemann von Großherzogin Charlotte und spielte eine wichtige Rolle bei der Befreiung Luxemburgs im Zweiten Weltkrieg. Nach dem 29. April 1945 half er dabei, ehemals politische Gefangene in die Heimat zurückzuführen, was seine enge Verbindung zu Luxemburg und seinen Widerstand gegen die Nationalsozialisten unterstrich. 

Josts Leidenszeit war vorbei und er konnte in seine Heimat zurückkehren. Noch im selben Jahr wurde er zum Bistumssekretär und Generalaumonier (oberster Militärgeistlicher) der Luxemburger Armee ernannt. In dieser Funktion war er bis 1966 tätig und wurde danach Dechant  der Pfarrei St. Michel im Zentrum der Hauptstadt.  Für seine mutigen Taten wurde er unter anderem mit der  Medal of Freedom der USA und dem Grand Prix Humanitaire de France geehrt. Nach seiner Pensionierung lebte er zurückgezogen bis zu seinem Tod im Jahr 1998. 

 

 

 

 

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