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Pfr. Albert Riesterer

Pfr. Albert Riesterer

Fotos: Pfarrer Albert Riesterer. Foto: Otto Riedmüller, Hegau-Geschichtsverein und das Grab von Pfarrer Albert Riesterer Foto:  JoachimKohler-HB  CC-AS 4.0

 

Pfarrer Albert Riesterer katzbuckelte nicht gern

von Klemens Hogen-Ostlender

Albert Wilhelm Riesterer wurde am 21. März 1898 in Grafenhausen im Breisgau geboren.  Er war das siebte Kind seiner Eltern Josef und Elisabeth Riesterer. Auf Anregung des Staufener Pfarrers Adolf Schuler nahm der Junge an dessen Lateinunterricht teil, was in ihm das Interesse für den Priesterberuf weckte. Er besuchte schließlich das Berthold-Gymnasium in Freiburg und wohnte im Erzbischöflichen Knabenkonvikt.  Im Ersten Weltkrieg erhielt Albert Riesterer mit 19 Jahren 1917 den Gestellungsbefehl zu den Luftstreitkräften. In Hannover wurde er als Scheinwerfergehilfe der Flugabwehr ausgebildet und in dieser Funktion anschließend in Freiburg im Breisgau eingesetzt. Ende Januar 1919 folgte die Entlassung aus dem Kriegsdienst. Als Auszeichnung hatte er das Frontkämpfer-Ehrenkreuz  erhalten. Er studierte in Freiburg Theologie und empfing dort 1925 die Priesterweihe. Bis 1929 war der junge Vikar in Eberbach am Neckar eingesetzt. Schon dort widmete er sich, wie danach bis  1932 in St. Georgen bei Freiburg, der Jugendarbeit. Weil ein Witz über einen preußischen Junker, den er erzählte, Anstoß erregt hatte, versetzte das Erzbischöfliche Ordinariat dann nach Stockach. Dort gründete er eine Pfadfindergruppe und leitete auch die Kolpingjugend.

Kurz nachdem die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gekommen waren, stand Albert Riesterer bei ihnen schon unter Beobachtung. Er hatte Veranstaltungen der kirchlichen Jugendverbände nicht wie vorgeschrieben beim Ortsgruppenleiter angemeldet.  Am 23. Oktober 1934 schickte das Erzbischöflichen Ordinariat ihn als Pfarrverweser in die Kirchengemeinde St. Peter und Paul in Mühlhausen (heute Mühlhausen-Ehingen), wo der Pfarrer aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand getreten war. Wie bereits in Stockach gründete der Nachfolger dort eine Pfadfindergruppe. Die Besucherzahlen der Messen stiegen, weil er schnell das Vertrauen seiner Gemeindemitglieder gewann. Im September 1936 wurde Riesterer formell Pfarrer. Als alle nicht national-sozialistischen Jugendgruppen im selben Jahr  verboten wurden, gingen die Pfadfinder in der Schar der Ministranten auf. Trotz des Verbots unternahm der Pfarrer mit ihnen weiter zahlreiche Aktivitäten. Als er einmal am Patroziniumsfest der Gemeinde unerlaubt eine Familienfeier veranstaltet hatte, wurde er  vom badischen Bezirksamt Konstanz zu 20 Reichsmark Geldstrafe verurteilt.

„Schutzhaft“ und Konzentrationslager

Auch als 1938 zwei fanatische Nationalsozialisten Lehrer und kommissarischer Bürgermeister in Mühlhausen wurden, war das Katzbuckeln nicht die Art des Pfarrers, „weder der Kirchenleitung, noch weniger dem ‚Braunen Geist‘ gegenüber“, wie er in seinen Erinnerungen später schrieb. Am 25. September 1940 wurde Albert Riesterer zum Wehrdienst bei der Luftwaffe auf einem Flugplatz im Westerwald einberufen, im Januar 1941 aber krankheitsbedingt im Rang eines Unteroffiziers wieder entlassen. Am 1. Juli 1941 verhaftete ihn die Gestapo während eines Zeltlagers mit den Ministranten vor deren Augen. Er erhielt drei Monaten „Schutzhaft“ im Untersuchungsgefängnis Konstanz mit der Begründung „weil er in der staatlichen Jugenderziehung eine Bedrohung sieht und mit allen Mitteln und Kräften sie zu sabotieren unternimmt.“ Schutzhaft war im Nationalsozialismus ein Instrument der „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ und machte die Betroffenen völlig rechtlos. Nach seiner Entlassung im Oktober 1941 wurde Albert Riesterer des Landes Baden und Hohenzollern verwiesen.  

Bereits am 26. Oktober nahm das NS-System ihn in Freudenstadt wieder in Schutzhaft. Der kommissarische Bürgermeister von Mühlhausen war über die Anhänglichkeit der Gemeinde an ihren Pfarrer so erbost gewesen, dass er eigens nach Berlin fuhr, um das zu erreichen. Albert Riesterer kam anschließend nach wenigen Tagen, am 14. November 1941, in den Priesterblock des Konzentrationslagers Dachau. Gesuche der Freiburger Kirchenbehörde und seiner 74-jährigen Mutter um Freilassung blieben erfolglos. Die oberste Gestapo-Instanz beschied Elisabeth Riesterer: „Ihr Sohn ist in seinen Predigten und in seinem sonstigen Verhalten in äußerst staatsabträglicher Weise in Erscheinung getreten. Im Interesse der Staatssicherheit wurde daher seine Festnahme erforderlich. Gerade in der gegenwärtigen Kriegszeit muß von allen deutschen Volksgenossen ein bedingungsloser Einsatz für den nationalsozialistischen Staat erwartet und alles unterlassen werden, was die innere Widerstandskraft unseres Volkes irgendwie schwächen könnte. Leider bietet das Verhalten Ihres Sohnes noch nicht die Gewähr dafür, daß er diesen selbstverständlichen Pflichten im Falle seiner Freilassung nachkommen wird.“

Politischer Gefangener

In Dachau fiel ihm als Erstes am Toreingang die Losung „Arbeit macht frei“ auf. Er wurde geschoren und geduscht und erhielt als politischer Häftling auf seiner  „Zebrakleidung“ den Roten Winkel sowie die Häftlingsnummer 28 658 aufgenäht. Auf dem Appellplatz bemerkte er die Besserstellung der deutschen gegenüber den polnischen Priestern. Im Unterschied zu den deutschen Gefangenen standen die Polen dort ohne Mäntel und Socken. Albert Riesterer freute sich in der Haft stets über den Erhalt von Briefen aus der Hand des Freiburger Erzbischofs, Conrad Gröber. Nach einer Beschreibung des Zusammenlebens mit den Mitgefangenen im Priesterblock, dem sadistischen Stubenältesten und der wachsenden Angst vor den so genannten  „Invalidentransporten“ in die Tötungsanstalt Hartheim in Österreich  erwähnte der gefangene Pfarrer in seinen Erinnerungen auch drei Stationen für Menschenversuche im Lager: Die Malaria-Versuchsstation unter Leitung von Professor Claus Schilling, die Luftwaffen-Unterwasser-Versuchsstation mit den Unterkühlungs-Experimenten von Siegmund Rascher und die Phlegmone-Station unter Heinrich Schütz. Schilling wurde nach dem Krieg von der US-Armee hingerichtet, Rascher bereits vor Kriegsende von der SS, nachdem er bei Heinrich Himmler in Ungnade gefallen war, Schütz erhielt 1975 eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren wegen Beihilfe zum Mord, die er wegen Haftunfähigkeit  allerdings nicht antreten musste.

Zugänge aus Auschwitz

Aus den Erinnerungen Albert Riesterers geht hervor, dass er damals genau wusste, was in Auschwitz geschah: „Vom Judentötungslager Auschwitz, wo unser früherer Lagerführer und Mörder Hoffmann sich austobt, hat man bei uns schon viel erzählen gehört. Johann Wujek, mein polnischer Priesterkamerad[1], weiß endlich authentische Nachricht, denn gestern kamen polnische Priester aus Auschwitz als Zugänge. Das Essen ist besser als hier. Die Priester erzählen: Jeden Tag kommt ein Zug mit etwa 800 Juden, besonders aus Südfrankreich, in Auschwitz an. Es sind ganze Familien, Männer, Frauen und Kinder. Früher hat man sie in Auschwitz wenigstens registriert, jetzt kommen sie ohne Papiere. Am Bahnhof steigen die Unglücklichen aus, und ein von der SS gekaufter Jude läßt eine Musikkapelle spielen zur Begrüßung. Dann hält er eine Rede: er sei Jude, es gehe uns hier gut. ,Ihr habt Glück. Eure Sachen bindet zusammen und schreibt den Namen daran. Jetzt geht es ins Bad und seid guten Mutes`! Sie fahren auf einem Rollwägelchen in die  Gaskammer, dort einige Minuten Aufenthalt, und die Toten fahren in die Verbrennungsöfen daneben“.

In Dachau absolvierte Albert Riesterer auch eine einjährige Ausbildung auf der  Plantage  im Projekt biologisch-dynamische Landwirtschaft unter der Leitung von Martha Künzel, die wie Heinrich Himmler der Anthroposophie zuneigte. Der Gefangene beschrieb sie später so: „Eine SS-Dame..., die in weißer Laboratoriumsschürze mit zwei Häftlingen im Gewächshaus 2 arbeitete“. Sie betrieb ihre Forschung im Auftrag von Himmler persönlich. Künzel verfolgte bei ihrer Arbeit einen esoterischen Ansatz. Sie maß Äther- und Astralenegie entscheidende Bedeutung bei und versuchte in Séancen, die Natur einer von ihr gehaltenen Kröte zu erfassen. Die im KZ praktizierte Zuneigung auch zu anderen Tieren wie dem Foxterrier des Lagerführers Egon Zill und die aufwändige Verpflegung und Betreuung der 5.000 Angorakaninchen, die der Gewinnung von Wolle dienten, waren für Riesterer ein Beispiel für die „Perversität der SS-Kreise“. Er unterstand Martha Künzel als Funktionshäftling und übernahm nach ihrem Weggang am 1. Oktober 1943 ihre Arbeit. Nach Kriegsende war Künzel zunächst in der Tschechoslowakei interniert. Anschließend zog sie nach Baden-Württemberg und verschwieg ihre Verstrickung in nationalsozialistische Kriegsverbrechen. Sie starb 56-jährig 1957 und blieb für ihre Beteiligung an der Ausbeutung von KZ-Häftlingen juristisch unbestraft.

Rückkehr ins normale Leben

Am 9. April 1945, einem Montag, wurde Albert Riesterer angesichts des Vorrückens der Alliierten knapp drei Wochen vor der Befreiung des Konzentrationslagers  entlassen.Unterstützt von Mutter Elisabeth und Haushälterin Balbine Paul gewöhnte er sich wieder an das normale Leben und kräftigte seinen auf 48 Kilogramm abgemagerten Körper so, daß er an Allerheiligen des selben Jahres wieder die Pfarrei Mühlhausen übernehmen konnte. In dieser Zeit schrieb er seine 50-seitige Broschüre „Auf der Waage Gottes“. Er betätigte sich gern schriftstellerisch und verfasste unter anderem für das Konstanzer Sonntagsblatt den Fortsetzungsroman „Der Gekreuzigte“. Als Heimatforscher fanden seine Artikel Niederschlag in den Jahrbüchern des Hegau-Geschichtsvereins.1959 wurde er zum Ehrenbürger der Gemeinde Mühlhausen ernannt und trat 1967 in den Ruhestand in Dingelsdorf bei Konstanz. 1978 wurde Albert Riesterer mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet, 1981 zum Subsidiar der Pfarrei Dingelsdorf bestellt und 1982 zum Geistlichen Rat ehrenhalber ernannt.

Riesterer siedelte 1984 ins Altenheim St. Franziskus in Überlingen über und starb am 20. Februar 1996. Bis zuletzt war er dem Wahlspruch treu geblieben, den er schon als Vikar hatte und den er auch in einem aus dem KZ geschmuggelten Kassiber bekannte: „Der da oben wird’s schon richten!“ In der Gemeinde Mühlhausen-Ehingen ist es heute Tradition, dass der Gemeinderat in seiner ersten Sitzung nach der Sommerpause die Preisträger des „Pfarrer-Albert-Riesterer-Preises“ würdigt.  Der Preis ist auch ein Aufruf an junge Menschen, sich für ein Leben in der Gemeinschaft zu engagieren. In Mühlhausen-Ehingen gibt es eine Albert-Riesterer-Straße und  in Dingelsdorf, einem Ortsteil von Konstanz, einen Albert-Riesterer-Weg.

 

 

 

 

[1] Wujek Angehöriger des Ordens Missionare der Hl. Familie, war seit dem 30. 10. 1941 im KZ und wurde am 29. 4. 1945 befreit

Mehr Informationen über die Statue „Unsere von Dachau“8131/13916 08131/13916

 

 

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