

Bildtexte: Frederik Jan Elburg Foto: Yad Vashem; Auf dieser Mauer im Garten der Gerechten wurde Frederik Jans Elburgs Name eingraviert. Foto: Yad Vashem; Das Grab von Frederik Jan Elburg auf dem niederländischen Ehrenfeld in Loenen. Foto: Oorlogsgravenstichting
Frederik Jan van Elburg – Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 6.137 aus den Niederlanden. Einer von ihnen ist Frederik Jan van Elburg.
Schon früh im Widerstand
Frederik Jan van Elburg wurde am 3. Februar 1908 in Ommen im Norden der Niederlande, nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, geboren. 1932 heiratete er die vier Jahre ältere Everdina Timmerman. Bereits zu Beginn der deutschen Besatzungszeit im Mai 1940 engagierte er sich im Untergrund. Van Elburg war stellvertretender Leiter einer Molkerei in der unmittelbar an der Grenze gelegenen Stadt Enschede. Sein Chef, Dirk Pape, war ebenfalls im Widerstand aktiv, zum Beispiel beim Organisieren von Verstecken für Menschen, die aus verschiedenen Gründen auf der Flucht vor den Behörden untergetaucht waren. Angesichts der zunehmenden antijüdischen Maßnahmen in den Niederlanden, insbesondere nach Beginn der umfangreichen Deportationen in die Vernichtungslager im Osten im Sommer 1942, konzentrierte sich Frederik van Elburg auf die Unterstützung von Juden. Als engagierter Calvinist knüpfte er Kontakte zum mennonitischen Pastor Leendert Overduin, der heute als der heute als einer der bedeutendsten Judenretter des Landes während der deutschen Besatzungszeit gilt. Seine Gruppe von etwa 50 Kernmitgliedern vermittelte sichere Unterkünfte bei Bauernfamilien und Bürgern in und um Enschede sowie in der ländlichen Umgebung. Das Beschaffen von Lebensmittelkarten, das Fälschen von Ausweisen und finanzielle Unterstützung für die Untergetauchten und deren Gastgeberfamilien gehörten zu den Aktivitäten. Die „Gruppe Overduin“ rettete schätzungsweise bis zum Kriegsende zwischen 800 und 1000 Juden vor der Deportation und Ermordung.
Kraft aus tiefem Glauben an Gott
Frederik van Elburg brachte unter anderem die 15-jährige Lotte Lehrmann auf den Bauernhof von Hendrik und Diena Nijhuis außerhalb des Dorfs Boekelo, das am Stadtrand von Enschede liegt. Lotte stammte aus einer orthodox-jüdischen Familie in Den Haag. Kurz nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht hatte sie beschlossen, sich für das Ausbildungsprogramm der „Palästina-Pioniere“ anzumelden, um die Niederlande so schnell wie möglich verlassen zu können. Diese jungen Menschen waren Teil der Hachschara-Bewegung (hebräisch für „Vorbereitung“). Ihr Ziel war die Alija, die Auswanderung nach Palästina, um dort am Aufbau eines jüdischen Staates mitzuwirken. Um in den landwirtschaftlichen Kommunen (Kibbuzim) bestehen zu können, ließen sie sich gezielt in der Landwirtschaft, im Gartenbau oder im Handwerk ausbilden. Um mit Fachwissen beim Aufbau Israels zu helfen, absolvierte Lotte eine Lehre auf dem Bauernhof. Hinterher schrieb sie: „Es war harte, sehr anstrengende Arbeit. Ich lernte auch das Melken. Oft begleitete ich den Bauern zur Molkerei in Boekelo“. Als das Mädchen zu den Nijhofs kam, versteckten sich bereits sieben andere Juden in deren Hühnerstall. Frederik hatte zuvor auch den 22-jährigen Emanuel Anholt zu den Bauern gebracht. Frederik van Elburg hielt Kontakt zu den meisten Untergetauchten, versorgte sie mit Dingen wie Büchern und Handarbeiten, aber auch mit Lebensmittelmarken und gefälschten Papieren. Er überbrachte ihnen, wenn möglich, Nachrichten von ihren Familien und unterstützte sie moralisch. Er musste Lotte Lehrmann zum Beispiel mitteilen, dass ihre Familie mit Ausnahme ihres jüngeren Bruders Bernard verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork gebracht worden war. Das war eine der üblichen ersten Stationen vor einer Deportation. Bernard war zum Zeitpunkt der Razzia im Haus der Lehrmans nicht zu Hause gewesen. Frederik van Elburg reiste sofort nach Amsterdam, holte ihn dort ab und brachte auch ihn in den Hühnerstall. In ihrem eigenen Haus gewährten er und seine Frau einer jüdischen Mutter und ihrem Kind Unterschlupf. Die van Elburgs waren ein starkes, energiegeladenes Paar und schöpften Kraft aus ihrem tiefen Glauben an Gott.
Verhaftungen
Obwohl ihre Lage die Nerven stark belastete, gelang es den untergetauchten Juden über ein Jahr lang, irgendwie zu überleben. Van Elburgs Aktivitäten verlagerten sich von der Gruppe Overduin zur LO (Landelijke Organisatie voor Hulp aan Onderduikers, Landesweite Organisation zur Hilfe für Untergetauchte“) deren bewaffneter Arm LKP (Landelijke Knokploegen, wörtlich „Landesweite Knüppeltrupps“) zum Beispiel Lebensmittelkarten in Verteilungsbüros raubte. Im Juni 1943 wurden die im Hühnerstall Versteckten jedoch verraten, fast alle verhaftet und in Vernichtungslager im besetzten Polen deportiert. Lotte und Bernard, die beide nach Bergen-Belsen kamen, überlebten. Auch ein junger „Onderduiker“ namens Emanuel Anholt befand sich zum Zeitpunkt der Razzia nicht im Versteck und wurde daher gerettet. Trotz dieses schrecklichen Ereignisses setzte van Elburg seine Widerstandsaktivitäten und seine Hilfe für Juden fort. Einen Monat später wurde aber auch er verraten und am 26. Juli 1943 verhaftet. Zunächst kam er in Groningen ins berüchtigte Gefängnis „Scholtenhuis“ und wurde intensiv verhört. Das Drchgangslager Amersfoort war die nächste Station vor der Deportation in das Deutsche Reich. Frederik van Elburg wurde zuerst aber in das einzige offizielle SS-Konzentrationslager in den Niederlanden überstellt: Herzogenbusch, das in den Niederlanden wegen der Nähe der gleichnamigen Stadt heute meist „Camp Vught“ genannt wird.
Über Sachsenhausen nach Dachau
Im September 1944 kam er wie zahlreiche andere Häftlinge wegen der möglichen Befreiung dieser Region durch die Alliierten dann ins KZ Sachsenhausen nördlich von Berlin. Es war eine Art Verteilstation. Gefangene, für die dort wegen Überfüllung kein Platz war, wurden entweder nach Norden (Neuengamme) oder südwärts (Dachau) überstellt. Letzteres war Frederik van Elburgs Schicksal. Er erhielt an seinem letzten Haftort im KZ Dachau die Nummer 108168. Als die US-Armee das Lager am 29. April 1945 befreite, gehörte van Elburg zwar zu den Überlebenden, war jedoch körperlich völlig am Ende. Da im Lager der Flecktyphus grassierte, verhängten die Amerikaner eine strikte Quarantäne über das gesamte Areal, um eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Frederik van Elburg wurde entweder im ehemaligen SS-Lazarett, das von den Amerikanern in ein Krankenhaus für ehemalige Häftlinge umgewandelt worden war oder in einem der provisorischen Lazarette auf dem Gelände behandelt. Die medizinische Versorgung konzentrierte sich auf die Bekämpfung von Unterernährung und Infektionskrankheiten. Erst nach Aufhebung der Quarantäne und einer gewissen Stabilisierung seines Zustands konnte er im Sommer 1945 in sein Heimatland zurückkehren. Dort kam er aufgrund seines kritischen Zustands aber gleich wieder in das Krankenhaus von Enschede. Die jahrelange Haft und die Krankheiten hatten seine Organe jedoch so schwer geschädigt, dass die medizinische Hilfe nicht mehr ausreichte. Frederik Jan van Elburg starb am 19. Dezember 1945, vier Tage vor dem vierten Adventssonntag, in der Klinik an den unmittelbaren Folgen der brutalen Gefangenschaft. Sein Leichnam wurde auf dem niederländischen Ehrenfeld in Loenen, einem Ortsteil von Appeldorn, beigesetzt. Sein Name findet sich heute auf dem Widerstandsmonument in der Stadt. Am 7. Oktober 2007 ehrte Yad Vashem ihn als Gerechten unter den Völkern. Albert Jansen van Elburg, der älteste Enkel von Frederiks ältestem Bruder, nahm die Auszeichnung entgegen. Das Ehepaar Nijhuis hatte bereits 1976 die gleiche Ehrung Auszeichnung von Yad Vashem erhalten.
Ehrungen
Der ebenfalls verhaftete Dirk Pape wurde er zunächst in das Konzentrationslager Herzogenbusch gebracht, dann ins KZ Sachsenhausen nördlich von Berlin und schließlich am 4. Februar 1945 mit der Häftlingsnummer 123005 in das Konzentrationslager Buchenwald überstellt. Er starb dort am 8. März 1945. Ein Lagerarzt notierte als offizielle Todesursache „Bronchopneumonie“ (Lungenentzündung), was jedoch im Zusammenhang mit der KZ-Haft, wen es denn überhaupt stimmte, fast immer eine Folge der extremen Unterernährung, der Misshandlungen und der katastrophalen hygienischen Bedingungen war. Wie durch ein Wunder überlebten Lotte und Bernard Lehrmann die Schrecken des Krieges. Lotte schrieb danach: „Dirk Pape und Jan van Elburg haben so viel Gutes getan. Sie mussten ihre Hilfe mit ihrem Leben bezahlen. Sie bleiben für immer in unseren Gedanken.“ Nach dem Krieg fand Lotte Lehrmann Emanuel Anholt wieder, von dem sie getrennt worden war. Sie heirateten und wanderten, wie auch ihr Bruder Bernard, nach Israel aus. Sowohl Dirk Pape als auch Frederik Jan van Elburg wurden mit der Benennung einer Straße in Boekelo geehrt. Im Gegensatz zu van Elburg wurde Pape aber nicht als Gerechter unter den Völkern geehrt. Dafür hätten spezifische Zeugenaussagen von Geretteten vorliegen müssen, die belegten, dass er unter unmittelbarer Lebensgefahr Juden geholfen hatte. Pape war zwar ein wichtiger Kopf des Widerstands, der zum Beispiel auch Kriegsgefangene und Menschen, die sich vor drohender Zwangsarbeit in Deutschland versteckten unterstützte. Eine Ehrung durch die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem wird aber wegen solcher Aktivitäten nicht. ausgesprochen.
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/5747225
https://oorlogsgravenstichting.nl/personen/38828/frederik-jan-van-elburg
https://monument.vriendenkringneuengamme.nl/person/401259/frederik-jan-van-elburg/
Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link
Bildtexte: Jubelnde Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau am 29. April 1945 nach Ihrer Befreiung. Foto: Public Domain; Die Freiheitsstatue neben dem KZ-Wachturm: Plakat vom ersten Jahrestag der Befreiung. Foto: Public Domain; Die Kriegsberichterstatterin Marguerite Higgins. Foto: Public Domain; Dieses Bild zeigt die Hinrichtung von SS-Männern durch amerikanische Soldaten im Kohlenhof des KZ Dachau. Foto: Public Domain (20); Getötete SS-Männer am Wachturm B. Foto: Public Domain.
Zum Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau am 29.04.1945 von Klemens Hogen-Ostlender
„Annuntio vobis gaudium magnum“
Die Welt blickt nach Rom, wenn der Kardinalprotodiakon von der Mittelloggia des Petersdoms mit den Worten „Annuntio vobis gaudium magnum“ verkündet, dass ein neuer Papst gewählt wurde. Zuletzt hatte Camilla Caccia Dominioni das am 2. März 1939 getan. Nun sprach Josef Plojhar, Pfarradministrator der Ortschaft Rudolfstadt bei Böhmisch Budweis, diese Worte am 29. April 1945 nach einem sonntäglichen Choralamt in der Kapelle des Priesterblocks im KZ Dachau. Seit fünfeinhalb Jahren war er in KZ-Haft. Plojhar fuhr aber nicht mit der gewohnten Formel „Habemus Papam“ fort. Stattdessen sagte auf Latein „SS hat das Lager verlassen, auf dem Haupttor des Lagers weht die weiße Fahne“.(1) So hat es Johann Steinbock, Kooperator aus Steyr in Oberösterreich, erlebt. Dieser Artikel will die Ereignisse aus der Sicht der Männer beleuchten, denen der 29. April jenes Jahres die Freiheit brachte. Am längsten von allen noch Lebenden Geistlichen im KZ Dachau, hatte der katholische Geistliche Georg Schelling, Redakteur des katholischen Vorarlberger Volksblatts aus Feldkirch auf diesen Tag gewartet. Seit dem 31. Mai 1938. Die SS hatte ihn allerdings in Erwartung des nahenden Endes ihrer Macht bereits am 10. April 1945 entlassen.(2)
Falscher Alarm
Als die gefangenen polnischen Priester im April 1945 erfuhren, dass die übriggebliebenen Dachauer KZ-Insassen ermordet werden sollten, gaben sie sich in die Obhut des heiligen Josef, der verehrt wird im Heiligtum in Kalisz, Polen, und beteten zu ihm eine Novene. An ihrem neunten und letzten Tag, unmittelbar vor der geplanten Mordaktion, wurde das Lager auf wundersame Weise befreit. Die polnischen Priester waren überzeugt, dass die Intervention des heiligen Josef ihnen das Leben gerettet hatte“.(3) Am 26. April war einer Gruppe von Häftlingen die Flucht aus dem KZ gelungen. Einer von ihnen, der Nürnberger Kommunist Karl Riemer, schlug sich zu Fuß bis ins bereits befreite Pfaffenhofen durch und bat dort die Amerikaner, das Lager möglichst schnell zu befreien.(4) Am 28. April schien die Stunde der Freiheit schon geschlagen zu haben: „Die Spannung im Lager stieg. Ein lang vermisstes Lächeln erschien auf den Gesichtern der Häftlinge.“ Gegen Mittag ertönt der Schrei „Amerikaner“. Häftlinge erklettern die Dächer, werfen sich gegenseitig in die Arme, küssen sich und weinen – für fünf Minuten. Dann herrscht Stille. Die Amerikaner waren doch noch nicht da. (5)
Schüsse kommen näher
Der polnische Kapuziner P. Melchior Fryszkiewicz sagte über diesen Moment „Die Begeisterung, die große Aufregung und Schreie waren so groß, dass die Bevölkerung in der Stadt Dachau dachte, dass im Lager ein Häftlingsaufstand ausgebrochen wäre.“ Sein Eindruck über die Situation im KZ Dachau vor der Befreiung: „Sonntag, der Tag des Herrn. Der Tag der Auferstehung. Das Lager in Dachau – obwohl es schmutzig war und nach Verwesung roch, schien heute anders. In der Erwartung großer Dinge bekamen die Menschen einen feierlichen Anstrich der Seele, des Herzens, des Gesichtes. Die Gesunden, die Kranken und die Sterbenden [?] plapperten fröhlich vor sich hin, lächelten wie Vögel auf frischen Zweigen... Nach der Messe ging ich auf die Lagerstraße hinaus. Der Verkehr war derselbe wie sonst und die Menschen waren auch die gleichen: nur gingen sie schneller und redeten lauter und fröhlicher.“ Man hörte in der Ferne Schüsse, die näherkamen.“ (6) Die SS war verschwunden und hatte nur eine von jeweils von zwei auf acht bis zehn Mann verstärkte Wacheinheit auf den Türmen hinterlassen. Maschinengewehre zielten ständig ins Lager. Kein Kommando rückte zur Arbeit aus. Für Verpflegung wurde nichts unternommen, die Küche war nicht in Betrieb. Das bedeutete Hunger.
Oberstleutnant Felix Laurence Sparks, Bataillonskommandeur im 157. Infanterieregiment der 45. US-Infanteriedivision, hatte morgens Befehl erhalten, das Lager zu befreien. Auch eine Einheit der 42. Division war darauf angesetzt. Eine einzige Kompanie von Bataillonskommandeur, Felix L. Sparks und ein bloßer Aufklärungstrupp der 42. Division mit ein paar Jeeps entdeckten gegen 15 Uhr als erste den „Todeszug aus Buchenwald“, der in der Nacht zuvor eingetroffen war. Noch lebende Häftlinge waren zuvor ins Lager gebracht worden, die amerikanischen Soldaten fanden einen Zug voller zahllosen Leichen in schlimmen Zustand auf dem Abstellgleis in der Nähe des Lagers. Zweieinhalb Stunden später kam der erste amerikanische Soldat durch das Haupttor ins KZ. (7)
Ein blondes junges Mädchen im Jeep
Der Häftling Joseph Rovan, ein deutscher Jude, war nach Frankreich geflohen und hatte sich dort dem Widerstand angeschlossen. Nach seiner Verhaftung kam er nach Dachau. Er beobachtete, wie Menschen in amerikanischer Uniform aus dem Wagen kletterten: „Sie konnten sich kaum der wogenden Masse erwehren, die ihnen entgegenbrandete: ein sehr großer Schwarzer, der Fahrer, zwei Weiße und … eine Frau. Sie hatte ihre Mütze abgenommen. Und wir sahen ihre kurzgeschnittenen, dunkelbraunen Locken“.(8) Nicht nur der polnische Vikar Leon Stepniak war erstaunt über das „junge Mädchen“.(9) Es war die 24-jährige amerikanische Kriegsberichterstatterin Marguerite Higgins, die durch ihren Bericht über die Befreiung des Konzentrationslagers berühmt wurde und später auch aus dem Koreakrieg und Vietnam berichtete.(10) Stepniak hatte mit seinen Landsleuten bei schönem, sonnigem Wetter gerade gebetet, als die Amerikaner eintrafen. Er berichtete: „Wir fühlten uns frei. Wir hielten in der Kapelle des Blocks 26 den Gottesdienst, 10.000 Polen nahmen an der Messe teil. [So viele Menschen passten bei weitem nicht in die kleine Kapelle. Stepniak meint wahrscheinlich eine Messe vor dem Altar, der vor den Priesterblocks aufgestellt wurde, oder sogar die Messe auf dem Appellplatz einige Tage später]. Wir sangen das Te Deum laudamus“. (11)
„Kann es sei, dass die Freiheit gekommen ist?“
P. Melchior Fryszkiewicz, der polnische Kapuziner konnte es kaum glauben: „Kann es sein, dass die Freiheit gekommen ist? Hier, im Todeslager, in diesem letzten Raum hinter den Drähten? Wie kommt das? Die Freiheit ist so stark, dass sie sich nicht scheut, hier zwischen die Leichen zu gehen? Sie hat keine Angst vor der Pest, den Wunden, dem Schmutz und all den Schrecken, die sich hier seit Jahren eingenistet haben?“ Der französische Häftling Edmond Michelet, später Minister in Frankreich und Miterbauer der deutsch-französischen Freundschaft, war beeindruckt von einem amerikanischen Militärseelsorger, der vom oberen Fenster des Jourhauses zu den befreiten Häftlingen sprach: „Mit ergreifender Stimme fordert er uns auf, der Vorsehung zu danken, dass sie uns bis zu diesem Tage erhalten habe, dass sie uns den Klauen des Drachen entrissen habe. Dann lädt er die herbeigeeilten Kameraden ein, auf dem großen Platz zusammenzukommen, um dem ersten Dankgebet, das er dort oben verrichten will, beizuwohnen. … In weiter Bewegung gibt er das Zeichen des Segens über die brüllende Menge, die aus den Blocks zusammenströmt. Aber plötzlich hört man Kugeln pfeifen, alles wirft sich zu Boden. Erst nach einem letzten Kugelwechsel mit den fanatischen SS-Leuten wird das Sternenbanner am Mast gehisst, wo gestern noch die rote Fahne mit dem Hakenkreuz wehte. Unerschütterlich aber betet der amerikanische Priester von seiner Höhe herab unter einem zerbeulten Stahlhelm das „Vater unser“. So wurde uns – sozusagen im Wildwest-Stil – die Freiheit wiedergegeben. (12)
[Ob der Militärgeistliche katholisch oder protestantisch war, auf Deutsch oder auf Englisch sprach, da widersprechen sich die Erinnerungen. An das gemeinsame „Vater unser“ erinnern sich alle der Zeugnisse überlebender Geistlicher aus dem KZ Dachau]
Lynchjustiz
Aber es herrschte nicht nur Freude. Verhasste Spitzel, der Lagerälteste und Funktionshäftlinge wurden aus Verstecken geholt und entweder gelyncht oder den Amerikanern übergeben. Die Angaben, wie viele SS-Männer bei der Lagerbefreiung getötet wurden, widersprechen sich. Der polnische Jesuit P. Adam Kozlowiecki, der 1998 in das Kardinalskollegium aufgenommen wurde, kritisierte: „Manche Häftlinge stürzten sich in die Türme, um die sich ergebenden und widerstandslosen SS-Männer zu entwaffnen. Sie schlugen, traten, stießen die SS-Männer, die mit erhobenen Händen dastanden. Ich bin entschieden gegen eine solche Behandlung. Wir fordern Gerechtigkeit, nicht bestialische Rache“. Es gibt ein Foto, dass SS-Männer mit erhobenen Händen zeigt, die im Kohlenhof das Lagers vor amerikanischen Soldaten stehen. Zwischen den SS-Angehörigen liegen zahlreiche offensichtlich Erschossene. In der offiziellen Dokumentation des Dachauer Konzentrationslagers werden die Exekutionen wie folgt dargestellt: „Einige amerikanische Soldaten waren durch den Anblick des Todeszuges so außer sich geraten, dass sie eigenmächtig begannen, gefangengenommene SS-Leute hinzurichten. Als der Bataillonskommandeur, Felix L. Sparks, beobachtete, was vor sich ging, stoppte er die Exekution sofort. Insgesamt wurden etwa 50 SS-Angehörige während der Befreiung getötet“.(13)
Ein kurzer Augenblick der Gnade
Joseph Rovan beobachtete, wie amerikanischen Soldaten bei der Inspektion der Blöcke erschüttert waren durch Szenen, deren Anblick die Häftlinge zu lange schon gewöhnt waren, um sich noch darüber zu wundern. Sie verteilten mit vollen Händen Zigaretten, Schokolade, Lebensmittelrationen, Bleistifte, Füller und sogar Geld. Diejenigen, die sich mit Häftlingen verständigen konnten, ließen sich erklären, was sie sahen und nicht begreifen konnten. Befreite Gefangene boten sich als Führer an, um mit ihren Rettern durch das Lager zu gehen. In den Stuben kamen Tauschgeschäfte zustande. Rovan schilderte sein Gefühlsleben in diesen Stunden so: „Jetzt, wo alle Gefahr vorüber war, … jetzt, da es keinen Grund mehr gab, Angst zu haben, spürte ich eine große Leere in mir, eine abgrundtiefe Erschöpfung, aus der ich, wie mir schien, nie mehr würde auftauchen können. Ich ließ den Lärm, die Freudenschreie, den Trubel, das Stöhnen der Kranken und das Röcheln der Sterbenden hinter mir, begab mich in die Kapelle und ließ mich in der Dunkelheit nieder, die mir im Licht einiger weniger Kerzen noch undurchdringlicher erschien. Ich setzte mich und atmete langsam durch, um meinen Herzschlag zu beruhigen. Ich glaube nicht, dass ich wirklich gebetet habe, ich habe auch an nichts Bestimmtes gedacht. Ich lauschte einfach in die Stille hinein, die nach und nach die Leere durchdrang. Es war wie ein kurzer Augenblick der Gnade“ (14)
Die Freiheit hatte ihren Preis
Donnerstag, der 3. Mai, war polnischer Nationalfeiertag. Er wurde, wie P. Melchior berichtete, so festlich wie möglich begangen. Inmitten der geschmückten Wohnblocks und Straßen zog eine Prozession zum Appellplatz, wo der älteste polnische Priester am Fuße eines riesigen Kreuzes eine feierliche Messe mit einer feierlichen Predigt zelebrierte. Das ganze Lager nahm teil, angeführt von Delegationen verschiedener Nationalitäten. Der Platz war voller bunter Fahnen. (15) Einen Tag später wurde am selben Ort eine Messe für die ermordeten und toten Häftlinge und die gefallenen amerikanischen Soldaten gefeiert.
Das befreite Lager wurde zu einer Art Besucher-Wallfahrtsort. Es wimmelte von Menschen. Alle wollten den berühmten Ort sehen: ausländischen Gäste, Pressevertreter, Kameraleute, Kriegsberichterstatter, Diplomaten, Offiziere... P. Melchior erlebte es: „Sie besichtigen die Blocks im Detail, filmten, fotografierten, interviewten, machten Notizen.“ 2.000 Leichen vor dem Krematorium lösten Erschütterung aus. Am Sonntag acht Tage nach der Befreiung registrierte er einen geselligen Abend. „Auf Straßen und Plätzen Lagerfeuer, Picknick im Freien. Dazwischen überlebende Häftlinge, kaum Ähnlichkeit mit Menschen. Haut und Knochen. „Die Freiheit gab ihnen Kraft. Wo sie bisher litten, kochen sie nun ihr eigenes Essen über dem Feuer, Essen aus dem geplündertem SS-Lager. Laufen, freudige Rufe, Geplapper, Gesang. Erst jetzt wissen sie, dass sie leben. Es hat gedauert, bis sie die Gewissheit hatten, dass die Freiheit keine Illusion ist“. Die Freiheit hatte jedoch ihren Preis, nicht alle erlebten sie. Von 200.000 Häftlingen, so P. Melchior, waren im Stammlager 33.000 gestorben, darunter 15.000 Polen. (16)
Im Lager errichteten die ehemaligen Häftlinge ein mächtiges Kreuz. Die polnischen Priester bauten vor dem Block einen großen Feldaltar auf und täglich wurde dort der Messopfer unter großer Anteilnahme, hauptsächlich von Polen, gefeiert. Der amerikanische Militärrabbiner David Max Eichhorn hielt am Freitag, dem 4. Mai, eine Nachmittagsandacht in der Frauenbaracke. Ein amerikanischer Colonel der Nachrichtentruppe George Stevens, wollte den nächsten Gottesdienst am Sabbat filmen. Weil Polnische Häftlingen drohten, die Feier zu sprengen, wenn sie auf dem Appellplatz stattfinde, wurde sie in die Lagerwäscherei verlegt. Dort war nur für 80 Personen Platz. Viele Juden konnten nicht teilnehmen. Auf Befehl das amerikanischen Lagerkommandanten wurde der Gottesdienst am nächsten Tag auf dem Appellplatz wiederholt, so dass alle mitfeiern konnten, die das wollten. (17)
Der erste Jahrestag
Am ersten Jahrestag der Befreiung, dem 29. April 1946, wurde in der Dachauer Stadtpfarrkirche St. Jakob eine Gedenkmesse gefeiert. Der Dominikanerpater Leo Roth, selbst ein ehemaliger Häftling, sagte in der Predigt: „Es drängt uns, dem zu danken, dem wir letztlich unsere Befreiung verdanken: dem allgütigen Gott, der alles zu unseren Besten gefügt hat ... Alle Menschen, die Gutes tun, sind nur Werkzeuge des guten Gottes. Dieser Gottglaube beseelt uns und er beglückt uns heute so groß: Er wollte, dass wir befreit würden, und so wurden wir befreit.“ Roth bekräftigte allerdings auch dies: „Befreit haben aber auch wir uns selber. In all den Jahren unserer Inhaftierung haben wir Häftlinge im Lager eine energische Selbsthilfe geschaffen. Wie viele von uns verdanken wie vielen von uns ihr Leben! Befreit haben uns außerdem alle die guten Menschen, die uns in den Jahren unserer KZ-Haft tatkräftig mit Lebensmitteln und mit Gebet unterstützt haben“. Der Dominikanerpater würdigte auch die Unterstützung durch Familienangehörige und hob auch die Verdienste „aller der guten Leuten aus der Dachauer Bevölkerung, die zu unserer Lebensrettung beigetragen haben“, hervor: „Manch einer von uns wäre im KZ liegen geblieben, hätten uns nicht mitleidige und opferstarke Leute der Dachauer Bevölkerung geholfen. Es wurde viel geschmuggelt und es wurde von manchen viel zu unserer Rettung gewagt“.
Unendlich kostbare Werteerfahrung
Leo Roth sagte auch: Der Aufenthalt im Konzentrationslager bedeutete für uns eine Schulung zu unendlich kostbarer Werteerfahrung. Gerade dadurch sind wir heute mehr als früher befähigt, Baumeister einer neuen sieghaften Weltkultur zu sein, und unser Dank gegen Gott besteht eben darin, dass wir diese neue sieghafte Weltkultur schaffen...“ Das Konzentrationslager war nach seinen Worten „wie eine Zusammenballung aller Nationen der Erde, aller Stände der Gesellschaft, aller Ideologien der Menschheit auf engsten Raum. Das war eine Erziehung zum über-nationalen, zum über-ständischen und zum überkonfessionellen Denken. ... Wer da mit lebendigem Geist die Jahre des Konzentrationslagers verlebte, der wurde in seiner nationalen Seele weltweit. Er lernte die nationale Art des anderen hochschätzen. Er wurde da ganz von selbst übernational“ Leo Roth wies zum Schluss auf die über dem Tabernakel in der Kirche, in der er predigte brennende KZ-Kerze: „Sie ist das Symbol des Lebens derer, die im KZ ihr Leben verloren haben. Es ist ihre Lebensflamme, die sich verzehrt hat. Wir gedenken ihrer in tiefer Ehrfurcht und Verehrung. Aber diese KZ-Kerze ist mehr noch ein Symbol unseres neuentzündeten Lebens... Das ist ein großes Symbol: unser Leben, das wir wieder gewonnen haben, als wir befreit wurden, ist Leben aus Christus: Er ist die Weltverbrüderung und aus seinem Leben geschieht nach seinem Geist die Weltweihe zur neuen Gesellschaftsordnung des Rechtes und der Liebe. Er ist unser Ideal: Er, unter dessen Herrschaft es nie mehr ein Konzentrationslager geben wird: Er führt uns in die neue Gesellschaftsordnung der Liebe und der Gerechtigkeit; Er, den alle Gutgewillten anerkennen: Jesus Christus!“ (19)
Quellen:
(2) Weiler, S. 582
(3) www.karel-art.de/Dachau_2009
(4) Karl Riemer im Bericht vom 11.05.1945, Archiv EDMuF, CB054,298
(5) Erzbischof Kazimierz Majdanski 1999. In GOGOLA Zdzislaw OFMConv, Auschwitz macht frei, Krakau 2023, S. 293
(6) GOGOLA Zdzislaw OFMConv, Auschwitz macht frei, Krakau 2023, S. 439
(7) Zamecnik, S. 392 f
(8) Rovan, Joseph, Geschichten aus Dachau, München 1992, S. 282Ff
(9) Gogola, S. 442f
(10) https://www.munzinger.de/register/portrait/biographien/Marguerite+Higgins/00/4619
(11) Gogola, S. 442f
(12) Michelet Edmond, die Freiheitsstraße, Stuttgart 1955, S. 261
(13) Comité Internationale de Dachau, Barbara Distel Konzentrationslager Dachau 1933 bis 1944, Edition Lipp 2005, S. 202f
(14) Rovan, Joseph, Geschichten aus Dachau, München 1992, S. 282Ff
(15) Gogola, S. 446
(16) Gogola, S. 446
(17) Dachauer Hefte 1, Die Befreiung, Dachau 1993, S. 207 ff
(18) Dachauer Hefte 1, Die Befreiung, Dachau 1993, S. 207 ff
(19) Gedenkpredigt P. Leo Roth, 29.04.1946, Archiv der Erzdiözese München und Freising: CB054, 345
(20) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dachau_execution_coalyard_1945-04-29.jpg
Um finanzielle Unterstützung wird gebeten.
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