

Foto: Jules Jost, Rechte: Fédération des Enrolés de Force
Biografie über einen besonderen luxemburger Geistlichen unter den inhaftierten Geistlichen im KZ Dachau
Jules Jost und der Schrecken von Kaufering von Klemens Hogen-Ostlender
Jules Jost kam 1914 in Rümelingen im Süden Luxemburgs unweit der französischen Grenze zur Welt. Nach seinem Studium in Metz und Luxemburg wurde er 1940 zum Priester geweiht und kam als Kaplan in die Pfarrei St. Joseph in Esch an der Alzette. Doch kurz zuvor war etwas geschehen, das sein Leben ganz entscheidend beeinflussen sollte. Im Mai hatte das NS-Regime die Niederlande, Belgien, Frankreich und Luxemburg überfallen. Den jungen katholischen Priesteramtsanwärter war sofort klar geworden: Mit der Besetzung seiner Heimat war nicht nur die Unabhängigkeit des Landes in Gefahr, sondern auch die christliche Religion. Tatsächlich versuchten die Nationalsozialisten, den bislang starken gesellschaftlichen und politischen Einfluss der katholischen Kirche in Luxemburg zu unterdrücken. Sie befürchteten, dass die Menschen religiöse Zeremonien und Traditionen als Ausdruck des Protestes nutzen würden. Jules Jost begann, verfolgten Menschen, unabhängig von ihrer politischen oder religiösen Bindung beizustehen.
Verhaftung
Er engagierte sich in der Fluchthilfe für französische Kriegsgefangene und arbeitete bei dieser gefährlichen Tätigkeit mit örtlichen Unterstützern zusammen. Zahlreiche Gefangene, die in Deutschland zum Beispiel im Stammlager XII D auf dem Trierer Petrisberg interniert waren oder in dessen Außenkommandos Zwangsarbeit leisten mussten, flohen von dort und versuchten, sich über Luxemburg in ihr Heimat durchzuschlagen. Jules Jost nahm etliche von ihnen auf und verstecke sie in der Kirche im Beichtstuhl und im Pfarrhaus von Esch. Ab dem Sommer 1942 kam Fluchthilfe für Luxemburger hinzu, die sich der in Deutschland drohenden Zwangsarbeit entziehen wollten. Jost druckte nun auch Streikaufrufe. Zuerst wurden mehrere seiner Helfer verhaftet. Dann traf es Jules Jost selbst. Am 30. November 1942 nahm die Gestapo ihn wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ kurz nach der Messe an diesem Montag fest, durchsuchte das Pfarrhaus und brachte ihn zunächst in ihre Luxemburger Zentrale.
Im Herbst kam er in das Konzentrationslager Hinzert im Hunsrück unweit von Trier. 1939 war es als „Polizeihaft- und Erziehungslager“ für „Arbeitsscheue“ eingerichtet worden. Ein Teil diente als „SS-Sonderlager“ der Inhaftierung von „Rückfälligen, notorischen Faulenzern und Gewohnheitstrinkern“. 1940 wurde alles in ein KZ umgewandelt. Bis zu seiner Räumung 1945 durchliefen rund 14.000 männliche Häftlinge im Alter zwischen 13 und 80 Jahren den Komplex. Der Kommandant, Paul Sporrenberg, hetzte nach der Ankunft des Neuzugangs als erstes seinen großen Schäferhund auf Jules Jost. Am nächsten Tag kam der Häftling zum Dunkelarrest in den so genannten Bunker, in dem er bis kurz vor Weihnachten blieb. Sporrenberg waren die Soutanen der Geistlichen ein Dorn im Auge, sodass er sie graue Uniformen mit aufgenähten Pax-Zeichen auf Brust und Rücken tragen ließ. Im April 1943 war Jules Jost vorübergehend in „Schutzhaft“ im Luxemburger Gefängnis, kam später kurz in die Trierer Haftanstalt und wurde dann ins Konzentrationslager Dachau gebracht.
Ohrfeigen und Fußtritte
Dort wurde er gleich beim Betreten des Lagers mit Ohrfeigen und Fußtritten traktiert. Zwei Tage später schrieb er den ersten Brief aus dem berüchtigten KZ an seine Verwandten daheim. „Dachau“ war nach einem Jahrzehnt seiner Existenz ein allseits gefürchteter Begriff. Negatives über die Zustände dort zu schreiben, hätte dem Häftling gleichwohl eine brutale Bestrafung eingebracht oder ihn vielleicht gar das Leben gekostet. So wählte Jost das Stilmittel der bombastischen Lobhudelei und schrieb unter der Einleitung „Meine Lieben“ Worte, bei denen dem SS-Zensor offenbar nicht auffiel, wie sarkastisch sie auf Angehörige eines Mannes wirken mussten, der vom Regime als Hochverräter behandelt wurde: „Nach guter Reise bin ich gut hier angekommen u. bin jetzt äußerst zufrieden u. überglücklich in meinem Los. Ich bin viel besser bestellt als vorher, seid also ohne Sorgen; ich erfahre hier nur Entgegenkommen u. Aufmerksamkeit“. Er erläuterte dann die Regeln für den Empfang von an Briefen und Paketen und bat um gelegentliche Zusendung von einigen Briefmarken sowie um „einen Geldbetrag von 10 – 20 Rm für Einkauf in der Kantine“. Zum Schluss wurde er wieder überschwänglich, diesmal aber tatsächlich angesichts des Wissens, dass es im Priesterblock eine Kapelle gab: „Das schönste Glück werde ich bald erfahren als Priester u. biete jetzt schon meiner lieben Mama als Namenstagsgeschenk meine erste Hl. Messe in Kommunion an.In diese Meinung schließe ich euch alle ein“. Für dieses schönste Glück mussten die in KZ gefangenen Priester allerdings früh aufstehen, denn die Messe hatte vor dem 5-Uhr-Morgenappell beendet zu sein. Jules Jost bemühte sich in Dachau von Anfang an, anderen zu helfen, wo immer er helfen konnte und erwarb sich dadurch Achtung und Respekt seiner Umgebung.
Der Hinrichtung entronnen
Am 22. Februar 1944 erhielt Jules Jost nach dem Appell die Mitteilung, er würde entlassen. Ein bewaffneter SS-Mann brachte ihn dann aber am nächsten Morgen zum Dachauer Bahnhof zum Eilzug aus Wien. Dem war ein Gefängniswagen angehängt worden. Über Frankfurt sollte Jost mit Leidensgenossen nach Trier befördert werden. Endziel für alle war nämlich nicht die Freiheit, sondern das KZ Hinzert. Dort sollten der Priester und 29 weitere Luxemburger erschossen werden. Der Zug kam allerdings nur bis Frankfurt. Dort geriet der Zug nach Josts Bericht in einen Bombenangriff, durch den der Bahnhof in Mitleidenschaft gezogen wurde, und die Häftlinge konnten nicht weiter. Dieser Angriff ist in den geschichtlichen Quellen allerdings für den 2. März verzeichnet. Wieso es acht Tage dauerte, bis der Zug in Frankfurt ankam, ist nicht mehr nachvollziehbar. Die Gefangenen wurden jedenfalls zunächst in eine ehemalige Synagoge gesperrt. Mit einiger Verspätung erreichte Jules Jost mit einigen Landsleuten, die ebenfalls nach Hinzert sollten, Trier. Dort wurden alle erneut ins Gefängnis gesperrt. Als man sie eines Morgens hinausführte, glaubten sie, sie würden gleich vor dem Erschießungskommando stehen. Alle kamen aber wieder zurück dorthin, wo ihre Irrfahrt begonnen hatte. Seine Kameraden begrüßten Jules Jost am 11. März wieder in Dachau. Erst nach dem Krieg erfuhr der Luxemburger die Hintergründe. 23 Luxemburger wurden im Konzentrationslager Hinzert tatsächlich erschossen. Jost und sechs weiteren hatte der Luftangriff also das Leben gerettet. Sie waren zu spät zur eigenen Hinrichtung gekommen und hatten so überlebt.
Häftlinge aus dem Priesterblock durften aus dem KZ Dachau normalerweise nicht in eins der 149 Außenlager verlegt werden. Jost schaffte es im Laufe der Zeit aber, einen Posten in der „politischen Abteilung“ zu bekommen, die für das gesamte Registraturwesen des KZ (Aufnahme, Transport und Entlassung der Häftlinge) zuständig war. Dort wurde er als Schreiber eingesetzt und kam in die Außenlager im Bereich Kaufering und Landshut. Das war der größte Komplex von Außenlagern, die zum KZ Dachau gehörten. Dort wurden drei riesige halb unterirdische Bunker für die Flugzeugproduktion des Düsenstrahljägers Messerschmitt Me 262 und andere Rüstungsprojekte begonnen. Als billige Arbeitskräfte schaffte die SS ab dem 18. Juni 1944 zunächst aus Litauen und Ungarn stammende Juden aus dem KZ Auschwitz herbei. Bald kamen außerdem viele weitere jüdische Häftlinge aus anderen Lagern, die die Vernichtung bis dahin überlebt hatten, dazu.
Geheimes Zugangsbuch
Die Lager bestanden bis Ende April 1945. Die meisten Insassen mussten in primitivsten Erdhütten schlafen. Dafür wurden Gruben ausgehoben und mit simplen Holzdächern abgedeckt. Die hygienischen Verhältnisse und harte körperliche Arbeit forderten zahllose Opfer. Die Toten wurden in Massengräbern verscharrt. Nach dem Krieg entstanden an den aufgefundenen Orten KZ-Friedhöfe. Zum Jahreswechsel 1944/45 wurde das Außenlager Kaufering IV in Hurlach zum „Sterbelager“ des Komplexes umfunktioniert und unter Quarantäne gestellt, mit zunächst etwa 1400 und im April über 3000 Gefangenen. Darmkrankheiten, Ödeme, Krätze,Schwäche, Typhus und Lungentuberkuloe waren dort typische Todesursachen. Ohne die akribische Arbeit von Jules Jost wäre das Ausmaß des Elends heute nicht mehr bekannt. Er verzeichnete vom 18. Juni 1944 bis 9. März 1945 für die SS im Eingangsbuch exakt 28.838 Gefangene im offiziellen Zugangsbuch. Eine Abschrift, deren Entdeckung ihn das Leben gekostet hätte, versteckte er so gut, dass sie nicht entdeckt wurde.
Dank dieser Aufzeichnungen steht fest, dass bis Ende April 1945 in den elf Lagern etwa 30.000 Häftling eingekerkert waren, unter ihnen 4.200 Frauen und 850 Kinder. Binnen nur zehn Monaten kamen nach Schätzungen aus früher Nachkriegszeit mindestens 14.500 Menschen ums Leben. Auch danach kamen weitere Transporte mit Häftlingen ein. Bis Ende Oktober 1944 wurde jeder, der nicht mehr arbeiten konnte, zurück nach Auschwitz in die Gaskammern geschickt. Allein im September und Oktober 1944 traf dieses Schicksal mehr als 1.300 Menschen. Der letzte Transport dorthin mit 1.020 Todeskandidaten aus fünf Kauferinger Lagern fand am 25. Oktober 1944 statt. Ab November hörten die Transporte auf, weil die Gaskammern in Auschwitz demontiert waren.
Selimar Frenkel
Jules Jost kam in den Kaufering-Lagern mit Tausenden von jüdischen Häftlingen in Kontakt, die aus Auschwitz-Birkenau dorthin verlegt worden waren. Er meditierte mit Rabbinern und erlebte mit, wie im Lager ein Kind geboren wurde. Er registrierte das Baby als Neuzugang und konnte nichts dagegen tun, dass es mit seiner Mutter als „unnütze Münder“ nach Auschwitz ins Gas geschickt wurde. Er begegnete dem berüchtigten SS-Arzt Josef Mengele und dem gefürchteten Schutzhaftlagerführer des KZ Auschwitz, Hans Aumeier. Jules Jost lernte aber unter anderem auch Selimar Frenkel kennen, der vor der Deportation im Ghetto von Kaunas in Litauen gelebt hatte. Im Lager Kaufering IV Hurlach war er im zionistische Untergrund aktiv. Als Redakteur und verantwortlicher Herausgeber der hebräischen Untergrund-Zeitschrift „Nitzotz“ („Der Funke“) spielte er dort eine wichtige Rolle. Die Ausgaben der Zeitschrift wurden einzeln mit der Hand geschrieben. Sie beschäftigten sich mit der Zukunft im Land Israel, den Verbrechen an den Juden und den politischen Konsequenzen daraus, zum Beispiel dem Umgang mit Kriegsverbrechern. Fünf der insgesamt 42 illegal angefertigten Exemplare von Nitzotz konnten dank der Hilfe von Abbé Jules Jost und eines spanischen Gefangenen gerettet werden. Sie finden sich heute in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und sind auch ins Englische übersetzt worden. Unter dem Namen Shlomo Shafir wurde Selimar Frenkel in Israel Journalist und Historiker und war unter anderem Chefredakteur des World Jewish Congress.
Befreiung
Am Nachmittag des 29. April 1945 befreiten amerikanische Truppen das Konzentrationslager Dachau. Mit ihnen kam ein Landsmann, über den Jules Jost festhielt: „Vor uns stand – wir trauten kaum unseren Augen – Prinz Félix. Staubig und todmüde, ergriffen und stolz, war er 19 Stunden lang ununterbrochen durchgefahren mit seinem Flügeladjutanten Paul Koch und wollte uns als Erster den Gruß den Dank der Heimat überbringen. In diesem Augenblick war alles Leid vergessen und wir waren froh und stolz, treu ausgeharrt zu haben und wieder freie Luxemburger zu sein“. Prinz Félix von Luxemburg (der Urgroßvater des heutigen Prinz Félix) war der Ehemann von Großherzogin Charlotte und spielte eine wichtige Rolle bei der Befreiung Luxemburgs im Zweiten Weltkrieg. Nach dem 29. April 1945 half er dabei, ehemals politische Gefangene in die Heimat zurückzuführen, was seine enge Verbindung zu Luxemburg und seinen Widerstand gegen die Nationalsozialisten unterstrich.
Josts Leidenszeit war vorbei und er konnte in seine Heimat zurückkehren. Noch im selben Jahr wurde er zum Bistumssekretär und Generalaumonier (oberster Militärgeistlicher) der Luxemburger Armee ernannt. In dieser Funktion war er bis 1966 tätig und wurde danach Dechant der Pfarrei St. Michel im Zentrum der Hauptstadt. Für seine mutigen Taten wurde er unter anderem mit der Medal of Freedom der USA und dem Grand Prix Humanitaire de France geehrt. Nach seiner Pensionierung lebte er zurückgezogen bis zu seinem Tod im Jahr 1998.
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Johanna Regina Nieuwenhuis-Schilpzand - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau
Von Klemens-Hogen-Ostlender
Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 1.819 aus den Niederlanden. Eine von ihnen ist Johanna Regina Nieuwenhuis-Schilpzand.
Obdach für ein jüdisches Ehepaar
Johanna Regina Schilpzand wurde am 9. Juni 1899 in Hillegom südwestlich von Amsterdam geboren. 1941 lebte sie nach einer geschiedenen Ehe als Johanna Nieuwenhuis-Schilpzand, genannt Jo, mit ihren beiden erwachsenen Töchtern Rie und Jos in einem dreistöckigen Reihenhaus an der Hugo de Grootlaan in Heemstede in Nordholland, westlich von Amsterdam und nahe der Nordseeküste. Trotz des ihr bewussten Risikos nahm Johanna für kurze Zeit als erste „Untergetauchte“ die Jüdin Nora Brouwer, eine Krankenschwester aus dem Portugiesischen Krankenhaus in Amsterdam, bei sich auf. Am 25. November 1941 gewährte sie Jacob und Rosalie de Vries Obdach, die sie zuvor noch nie gesehen hatte und deren wahre Identität ihr während des Krieges verheimlicht wurde. Dieser Hinweis in den Akten von Yad Vashem wird oft missverstanden. Johanna wusste, dass sie Juden beherbergt, kannte aber nicht deren wahre Namen. Falls sie verhaftet und gefoltert worden wäre, hätte sie keine Informationen über die Herkunft, andere Familienmitglieder oder weitere Kontaktpersonen der Familie De Vries preisgeben können Wenige Monate zuvor hatten in den Niederlanden massenhafte Deportationen von Juden in die Vernichtungslager im besetzten Polen begonnen. 100.000 der 140.000 im Land lebenden Juden wurden dabei ermordet.
Aus zwei Gästen werden vier
Im November 1943 gewährte sie auch den Eltern von Jacob de Vries, Bernard und Sarah (van Kloeten) de Vries, Obdach. Sie hatten wegen einer Erpressung aus ihrem Versteck in Haarlem fliehen müssen. Aus Sicherheitsgründen versuchte Johanna Nieuwenhuis-Schilpzand, keine Besucher im Haus zu empfangen, was sie von Familie und Freunden isolierte und einsam machte. Ab van Walsem hatte die Juden in das Haus gebracht und versorgte sie auch mit Lebensmittelmarken. Jos jüngere Schwester Julia Schilpzand brachte Obst und Gemüse mit. Charlotte Haye war eine enge Freundin von Johanna Nieuwenhuis und maßgeblich an der Rettungsaktion der Familie De Vries beteiligt. Sie wohnte in Heemstede ganz in der Nähe und hatte die den Kontakt zwischen der jüdischen Familie und Johanna geknüpft. Sie kümmerte sich um den kleinen Geldbetrag, den die de Vries für ihren Unterhalt zahlten. Jacob und Rosalie de Vries erhielten ein Zimmer im ersten Stock auf der Vorderseite des Hauses. Jo sorgte auch dafür, dass Jacobs Eltern ein eigenes Zimmer bekamen.
Verhaftung im Juni 1944
Das Essen wurde unter allen Hausbewohnern gerecht aufgeteilt. Oft kamen die vier Versteckten zur Mahlzeit herunter, und Jacob las anschließend aus der Bibel vor. Natürlich wurden die jüdischen Speisegesetze nicht mehr eingehalten. Das war ohnehin unmöglich, da die Menschen für jede Mahlzeit dankbar waren. Die Flüchtlinge verbrachten ihre Tage damit, im Haushalt zu helfen, zu lesen, zu lernen, zu schreiben, Bücher zu übersetzen und Schach und Monopoly zu spielen. Sie hielten die Vorhänge geschlossen, wenn sie im Zimmer waren, und mussten jederzeit absolut ruhig sein und im Haus bleiben. Johanna bemühte sich sehr, es ihnen so angenehm wie möglich zu machen. Sie wurde durch ihre Menschlichkeit, ihre religiöse Orientierung und ihr Vertrauen in den Schutz Gottes motiviert, der Familie de Vries zu helfen.
Johanna Nieuwenhuis gehörte der „Gereformeerde Kerken in Nederland“, der Reformierten Kirchen in den Niederlanden an, die es als biblische Verpflichtung betrachteten, den Juden zu helfen, die als Gottes Volk besonderen Schutz verdienten. Am 30. Juni 1944 umzingelten die Deutschen das Haus und verhafteten Jo, Rie und Jos Nieuwenhuis sowie die Familie de Vries. Die beiden Töchter wurden am nächsten Tag freigelassen, aber ihre Mutter kam ins Gefängnis am Amstelveensse Weg in Amsterdam gebracht. Nächste Station war für sie das deutsche Konzentrationslager Herzogenbusch im Süden der Niederlande. Anschließend wurde sie ins größte deutsche Frauen-Konzentrationslager, Ravensbrück im Norden der Provinz Brandenburg deportiert, wo sie am 9. September 1944 ankam. Die Gefangenen mussten fort „frauentypische“ Arbeiten „für die SS-eigene Gesellschaft für Textil- und Lederverwertung mbH (Texled)“ oder in einem Industriehof mit mehreren Handwerksbetrieben leisten. Außerdem wurden sie als Landarbeiterinnen an die umliegenden mecklenburgischen Güter, an Gärtnereien und zum Straßenbau vermietet.
Christliche Solidarität in Ravensbrück
Dem NS-Ziel der „Vernichtung durch Arbeit“ diente im KZ schwere körperliche Arbeit für die Frauen beim Trockenlegen von Sumpfgelände, dem Abtragen von Sandhügeln, Rodungsarbeiten oder Ähnlichem. Ob Johanns Nieuwenhuis davon auch betroffen war, ist nicht sicher. Politische Häftlinge aus den Niederlanden kamen aber oft in ein solches Kommando. Belegt ist allerdings, dass Johanns in Ravensbrück schwere Beinverletzungen erlitt. Sie arbeitete dort eng mit Helena Kuipers-Rietberg ("Tante Riek") zusammen. Tante Riek war die Gründerin der größten niederländischen Hilfsorganisation für Untergetauchte (L.O.). Johanna berichtete, dass sie Helena Kuipers-Rietberg im Lager traf, als diese bereits schwer gezeichnet war. Beide Frauen waren tief im reformierten christlichen Glauben verwurzelt. In Ravensbrück gab es informelle Kreise, in denen Frauen heimlich beteten oder sich gegenseitig Bibelverse zusprachen, um den psychischen Terror der SS zu überstehen. Johanna sah in Tante Riek eine moralische Anführerin, weil sie dafür bekannt war, dass sie trotz ihrer eigenen Schwäche andere Frauen tröstete. Ihr Zustand war bereits stark geschwächt. Am 27. Dezember 1944 starb sie an Entkräftung und Krankheit, wahrscheinlich durch Typhus oder eine Lungenentzündung.
Transport nach Dachau
Zu diesem Zeitpunkt war Johanna Nieuwenhuis allerdings schon in Dachau. Am 13. Oktober 1944 kam sie mit 250 anderen Gefangenen, unter denen größtenteils Landsleute waren, bereits im Stammlager an und wurde umgehend in das Außenlager zu den Agfa-Kamerawerken verlegt. Das Kommando hatte erst einen Monat zuvor die Arbeit aufgenommen. Insgesamt rund 700 weibliche Häftlinge, darunter 193 größtenteils wegen Tätigkeit im Widerstand festgenommene aus den Niederlanden, mussten dort bis zur Befreiung am 30. April 1945 unter großem Druck Zeitzünder für Flakgranaten sowie Teile für Kameras zur Luftaufklärung herstellen. Die Frauen waren im damals noch nicht fertiggestellten heute noch bestehenden Wohnblock Weißenseestraße 7–15 in München-Giesing zu jeweils sechst pro Zimmer untergebracht. Ein Stacheldrahtzaun und vier Wachtürme umgaben das Gelände. Der Fußweg zum Werk dauerte etwa 20 Minuten. Die Niederländerinnen hielten fest zusammen. Sie bastelten, schrieben Gedichte und hielten Gottesdienste ab. Es gab wenig Freizeit, aber während des Jahreswechsels war die Fabrik einige Tage geschlossen. Es wurde oft von Sabotage an Produktion und Maschinen berichtet. Am 12. Januar 1945 streikten die Niederländerinnen, unterstützt von den Sloweninnen. Die Frauen verweigerten gemeinsam spontan und planlos die Arbeit. Trotzdem wurde für diese Aktion eine Rädelsführerin ausgesucht und die Niederländerin Mary Vaders schwer mit Zellenhaft im KZ Dachau bestraft. Die Situation verlief relativ glimpflich, weil sich die Frauen nicht gegen die Lagerleitung, sondern gegen die Werksleitung stellten. Sie protestierten gegen den vom Werk ausgeübten Arbeitsdruck und gegen das von der Agfa bereitgestellte Essen. Zuvor war es aus dem Hauptlager Dachau gekommen. Obwohl es aufgrund der Kriegshandlungen immer öfter verspätet geliefert wurde, war es im Gegensatz zu dem Essen aus den Agfa-Werken fast ausreichend gewesen.
Beim Evakuierungsmarsch befreit
Die Leidenszeit von Johanna Nieuwenhuis endete nicht im Konzentrationslager. Als die US-Armee näher rückte, wurden fast alle Häftlinge aus dem Agfa-Kommando und den anderen Münchner Außenlagern auf Todesmärsche in Richtung Süden getrieben. Johanna überlebte auch diese Strapazen. Sie wurde schließlich am 30. April 1945 bei Wolfratshausen in der Nähe des Starnberger See in einem physisch desolaten Zustand von amerikanischen Truppen befreit. Die Auswirkungen der Mangelernährung und ihrer schweren Beinverletzungen hatten sich durch den Marsch massiv verschlimmert. Trotzdem kehrte sie bereits im Mai 1945 in die Niederlande zu ihren Töchtern nach Heemstede zurück, obwohl sie kaum noch laufen konnte, erreichte sie ihr Zuhause in der Hugo de Grootlaan, wo sie von den Nachbarn als Heldin empfangen wurde und eine handgeschriebene Ehrenurkunde überreicht, bekam. Die Menschen in ihrer Umgebung würdigten ihren Mut beim Verstecken der Familie De Vries und ihre Standhaftigkeit während der Haft. Johanna brauchte lange, um sich von den Folgen ihres Aufenthalts in drei Konzentrationslagern zu erholen. Sie lebte noch über 27 Jahre und starb am 10. Dezember 1972 in Haarlem, einem direkten Nachbarort von Heemstede. Ihr Einsatz wurde erst Jahre nach ihrem Tod international gewürdigt. Am 31. März 1993 erkannte Yad Vashem sie offiziell als Gerechte unter den Völkern an.
Das Schicksal der Familie de Vries
Die vier Mitglieder der Familie de Vries, denen Johanna Nieuwenhuis Obdach gegeben hatte, wurden am 13. Juli 1944 in das niederländische Durchgangslager Westerbork verlegt. Am 3. September kamen sie mit 1.015 anderen Menschen in den letzten Güterzug aus dem Lager nach Auschwitz, der am 6.November früh dort ankam. Der fast 60jährige in Haarlem geborene Benjamin de Vries wurde unmittelbar danach in der Gaskammer ermordet. Die 43jähige Sara de Vries-van Kloeten starb an einem unbekannten Tag im September 1944 in Auschwitz. Die 30jährige Rosalie de Vries-Stern, die in Groningen geboren wurde, starb am 13. Oktober 1944 in Auschwitz-Birkenau an Typhus. Jacob de Vries überlebte den Krieg. Später schrieb er unter anderem über die Fahrt im Viehwaggon nach Auschwitz: „Oh, wie schwer war es, zu liegen! Meine Beine waren steif. Ich hatte einen Krampf im Nacken. Aber Ro lag gut. Und Pa und Moe, wie ich im Halbdunkel sah, lehnten aneinander, an der Seitenwand und auf der zusammengerollten Decke. Das konnte ich deutlicher erkennen, als kurz jemand sein Feuerzeug anzündete.“ Nach der Befreiung kehrte Jacob am 31. Mai 1945 über Odessa und Marseille wohlbehalten nach Heemstede zurück.
Quellen:
https://collections.yadvashem.org/en/righteous/4043409
https://ilibrariana.wordpress.com/2012/04/06/joodse-onderduik-vervolging-en-verzet-in-heemstede/
https://www.oorlogsbronnen.nl/tijdlijn/Johanna-Regina-Schilpzand/02/136465
https://collections.arolsen-archives.org/en/search/person/404886
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