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Blick in den Garten der Gerechten auf dem Mount Herzl. Foto: Yad Vashem
Bäume in Yad Vaschem mit Tafeln, Foto Monika Volz, Verein Selige Märtyrer von Dachau e.V.
Warum in Yad Vashem Johannisbrotbäume gepflanzt wurden
von Klemens Hogen-Ostlender
Diese Frage eines Lesers war Anlass für diesen Artikel: „Was für Bäume sind das eigentlich, die da gepflanzt werden?“ Als erstes fällt auf: Die Bäume sehen nicht nur alle gleich aus, sie sind es auch. Es handelt sich um Johannisbrotbäume. Dass sie gewählt wurden, ist tief in der jüdischen Symbolik und Tradition verwurzelt. Im Talmud, einem der bedeutendsten Schriftwerke des Rabbinischen Judentums, kommt ein Gelehrter vor, der „Choni, der Kreiszieher“ genannt wird. Den Namen bekam er, als er sich einst in einer Trockenzeit hinstellte, einen Kreis um seine Füße zog und Gott beschwor "Rabbuni! Ich schwöre bei Deinem großen Namen, dass ich nicht von hier weiche, bis Du Dich Deiner Kinder erbarmen wirst“. Und Choni wich nicht, bis Gott den „Regen des Segens“ strömen ließ.
Eben dieser Choni sah einmal einen Mann, der einen Johannisbrotbaum pflanzte. Choni wusste, dass der Baum sehr langsam wächst, und fragte: „Wie viele Jahre dauert es, bis dieser Baum Früchte trägt?“ Der Mann antwortete: „Siebzig Jahre.“ Choni fragte den Pflanzer, ob er sicher sei, dass er in siebzig Jahren noch lebe, um die Früchte seiner Arbeit zu essen. Er erhielt eine Antwort, die als Inbegriff jüdischer Ethik gilt:„Ich fand eine Welt vor, in der meine Vorfahren Johannisbrotbäume für mich gepflanzt hatten. Genauso wie sie für mich pflanzten, pflanze ich nun für meine Kinder.“
Ein Johannisbrotbaum, der Jahrhunderte alt werden kann, ist im Garten der Gerechten von Yad Vashem wie ein Denkmal für einen Retter, dessen Taten ebenfalls in Jahrhunderten noch sichtbar sind in den Nachkommen der Menschen, die er vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten bewahrt hat. Der Johannisbrotbaum ist in Israel heimisch. Er geht eine Symbiose mit Bakterien ein, die Stickstoff reduzieren und so zur Fruchtbarkeit des Bodens beitragen. Seine ledrigen Blätter verhindern, dass gespeichertes Wasser schnell verdunstet. Der Baum ist äußerst anspruchslos. Er wächst und treibt Früchte auch auf kargen Standorten ohne Bewässerung. Unter der Bezeichnung „E 410“ ist Johannisbrotkernmehl in der EU uneingeschränkt auch für Bio-Produkte als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen, der in Süßwaren, Soßen, Suppen, Puddings und Speiseeis vielfach zum Einsatz kommt. Es dient als Backhilfsmittel in glutenfreiem Brot und wird unter anderem gegen Verdauungsstörungen sowie bei hohem Blutzucker- und Cholesterinspiegel angewandt.
Der Name des Baums zeigt sich auch im Matthäusevangelium, Kapitel 3, Vers 4: „Johannes [der Täufer] trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung.“ Es wird angenommen, dass unter „wildem Honig“ ein Produkt aus den Früchten des Johannisbrotbaums zu verstehen ist. Ursprünglich wurde für jeden geehrten Retter ein eigener Baum gepflanzt, an dem eine Plakette seinen Namen und sein Herkunftsland nannte. Aus Platzmangel musste auf dem Gelände des Mount Herzl in Jerusalem die Praxis der Baumpflanzungen Ende der 1980er Jahre aber weitestgehend eingestellt werden. Das zur Verfügung stehende Gelände wäre für mehr als 28.000 Bäume, die heute nötig wären, bei weitem zu klein gewesen. Seitdem werden die Namen neu geehrter Personen in Steinplatten eingraviert, die an eigens errichteten Mauern im Garten der Gerechten angebracht werden.
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