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Ona Simaite - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau - 2026-52

Bild: Ona Simaite im Jahr 1950. Foto: Unknown author, CC-AS 4.0; Ein Straßenzug in einem der Ghettos von Vilnius. Foto: Public Domain

 

Ona Simaite - Gerechte unter den Völkern aus dem KZ Dachau von Klemens Hogen-Ostlender

Der Staat Israel hat 1953 den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für Menschen geschaffen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Verfolgung durch Nationalsozialisten gerettet haben. Die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat auch ehemalige Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau auf diese Weise ausgezeichnet – nicht nur Männer aus dem Priesterblock, sondern auch Gefangene beiderlei Geschlechts aus der großen Zahl der Laien, die im Lager eingekerkert waren. Geehrte bekommen eine Plakette mit einem hebräischen Zitat. Es lautet in der Übersetzung „Wer immer ein Menschenleben rettet, hat damit gleichsam eine ganze Welt gerettet.“ Gerechte unter den Völkern erhalten in Anerkennung für ihre Taten außerdem die israelische Ehrenbürgerschaft, und wenn sie verstorben sind, auch die Staatsangehörigkeit im Gedenken. Bis zum 1. Januar 2024 haben nach der neuesten Statistik 28.707 Menschen aus 51 Ländern diese Ehrung erhalten, darunter 924 aus Litauen. Eine von ihnen ist Ona Simaite.

Kindheit und Jugend im russischen Kaiserreich

Ona Simaite wurde am 6. Januar 1894 in Akmene in Litauen, das damals zum Russischen Kaiserreich gehörte, unweit der Grenze zu Lettland geboren. Ihre Eltern waren Ona Daujotaite und Kazys Simas. Sie hatte zwei Schwestern, Julija und Liudmila und den Bruder Kazys. Bis zu ihrem achten Lebensjahr wuchs Ona bei ihren Großeltern auf. Sie besuchte die Grundschule und absolvierte anschließend das Gymnasium in Riga. Als der Erste Weltkrieg begann, zog die Familie nach Moskau.  Ona Simaite studierte dort und arbeitete später in Bildungseinrichtungen mit obdachlosen Kindern. Nach ihrer Rückkehr nach Litauen im Jahr 1922 unterrichtete sie an einer jüdischen Schule in Kaunas und arbeitete als Übersetzerin und Bibliothekarin in verschiedenen Bibliotheken. Ab 1924 studierte sie Geisteswissenschaften an der Vytautas-Magnus-Universität in Kaunas. 1940 wurde sie Bibliothekarin an der Universität von Vilnius, das nun Hauptstadt der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik war. Als Bücherliebhaberin und Intellektuelle war Ona begeistert darüber, an der ältesten Universität Nordeuropas zu arbeiten.  Im Juni 1941 brach die Katastrophe über ihr Leben und über Litauen herein. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion begannen die Nationalsozialisten überall in ihrem Machtbereich mit der systematischen Drangsalierung all derer, die sie als rassisch minderwertig betrachteten.

Unter deutscher Herrschaft

Ganz extrem betraf das die Juden von Vilnius. Ona war schockiert und entsetzt, als ihre jüdischen Studenten und Kollegen plötzlich von der Universität verschwanden. Etwa 3.700 Juden, die keine Arbeitsbescheinigung besaßen, wurden am 2. September 1941 bei einem ersten Massaker vor den Toren der Stadt erschossen.  Zwei Ghettos wurden eingerichtet, in denen die Überlebenden unter menschenunwürdigen Bedingungen zusammengepfercht wurden. Etwa 29.000 Menschen kamen in das Große Ghetto, das aus vier Straßen bestand, etwa 11.000 in das kleine mit seinen drei Straßen. Das Kleine Ghetto war vor allem für Alte und Arbeitsunfähige vorgesehen. Getrennt wurden beide Ghettos durch die „Deitsche Straße“. Beide Ghettos waren mit Stacheldraht umzäunt und hatten je ein Tor. Eine Fußgängerbrücke die Straße verband sie. In der Folgezeit gab es mehrere so genannte „Aktionen“, bei denen die nicht arbeitsfähige Bevölkerung des Ghettos ausgesondert und zur Erschießung vor die Tore der Stadt gebracht wurde. Bei derartigen Aktionen starben am 12. September 3334 Menschen, am 17. September 1271, am 4. Oktober 1.983 und vom 25. bis zum 27. Oktober 3781.Ona Simaite suchte einen Vorwand, um die Ghettos zu erkunden. Die Leitung der Universität erreichte die Erlaubnis der deutschen Besatzer, die Bibliotheksbücher zurückzuholen, die jüdische Studenten in Ihr Zwangsquartier mitgenommen hatten. Ona Simaite entdeckte bei ihren Besuchen dort die Hölle auf Erden.

Lebensgefährlicher Einsatz für Juden

Viele Bewohner des Ghettos waren kaum noch am Leben. Die einen gingen langsam durch Hunger zugrunde. Die anderen wurden auf offener Straße erschossen oder brutal zusammengeschlagen. Die Bibliothekarin beschloss, etwas gegen die primitiven Lebensbedingungen zu tun. In den folgenden drei Jahren schmuggelte sie immer wieder Waffen, Lebensmittel und andere Vorräte zu den Juden von Vilnius und beförderte ebenso heimlich und illegal wertvolle literarische und historische Dokumente heraus, um sie vor der Vernichtung zu bewahren. Das Geld für den Kauf gefälschter Dokumente, Stempel, Waffen und anderen Dingen wurde von Kazys Jakubenas besorgt. Er war darin ein Genie, wie Ona Simaite sich später erinnerte: „Wie er dieses Geld beschafft hat, ist mir bis heute ein Rätsel“. Um gefälschte persönliche Dokumente zu kaufen, waren einmal 3000 Reichsmark Besatzungsgeld nötig. Die mutige Bibliothekarin: „Eine beträchtliche Summe. Ich war so verzweifelt, dass ich entweder Selbstmord begehen oder das Geld beschaffen musste. Ich schrieb Kazys über meine Stimmung, ohne zu glauben, dass ich eine solche Summe bekommen würde. Er antwortete mir: „Ona, mach keinen Selbstmord, warte drei Tage.“ Nach drei Tagen hatte ich das Geld und die Dokumente konnten gekauft werden. 

„Jeder Tag für das Wohl anderer“

Was sie in dieser Zeit zusammengetragen und gerettet hat, wurde Jahrzehnte später einmal die weltweit größte Sammlung von Material über das jüdische Leben in Osteuropa genannt. Obendrein wurde die Bibliothekarin im Untergrund eine „Postbotin“ für die Ghettobewohner, die sonst keinerlei Verbindung zur Außenwelt hatten. Ihr Motiv für diese gefährliche Tätigkeit, bei der sie täglich ihr Leben riskierte, beschrieb sie in einem Brief an eine Freundin einmal so: „Sei dir fest bewusst und spüre tief in dir, dass du jeden Tag deines Lebens dich dem Wohl anderer widmen musst, indem du alles tust, was du kannst. Handeln, nicht reden.“ Ona Simaite fand auch auch Menschen, die Dokumente für Juden fälschten. Sie bot ihr eigenes Zuhause als vorübergehende Zuflucht für die an, die aus dem Ghetto geflohen waren an und schmuggelte mit einem illegalen Hilfsnetz, das sie gegründet hatte, vor allem jüdische Kinder aus dem Ghetto zu Familien, die bereit waren, sie zu verstecken.  Einmal holte sie ein zehnjähriges Mädchen aus dem Ghetto und beschaffte über einen Anwalt Papiere, die bescheinigten, dass das Kind ihre Nichte sei.

Durch Bestechung Hinrichtung verhindert

Ona Simaite bewunderte die geistige Kraft der Juden im Ghetto unter ihren schier hoffnungslosen Lebensbedingungen. Sie erinnerte sich später: „Man kann sagen, dass ich fast im Ghetto wohnte, und ich kann behaupten, dass andere Völker bei solchen Umständen schon längst physisch und geistig zerbrochen wären. Die in dem Ghetto eingesperrten Juden waren große Helden, vielleicht ohne dies selbst zu ahnen". Wegen ihrer unermüdlichen Hilfe für die vom Tod Bedrohten wurde sie im Laufe der Zeit dreimal von der Gestapo verhaftet.  Die ersten beiden Male kam sie wieder in Freiheit. Doch im April 1944 schien ihr Ende gekommen. Nach der neuerlichen Verhaftung und grausamer Folter, um Hinweise auf Hintermänner zu erpressen, erwartete sie das Todesurteil, das umgehend vollstreckt werden sollte. Doch der Rektor der Universität erfuhr kurz zuvor von ihrer geplanten Hinrichtung. Mit einem hohen Bestechungsgeld rettete er ihr Leben. Doch Ona Simaite wurde nicht freigelassen, sondern in das Konzentrationslager Dachau abtransportiert. Von dort aus kam sie in das französische Internierungslager Ludelange in der Nähe der Luxemburger Grenze. Es wurde im Herbst 1944 von der US-Armee befreit. Die Bibliothekarin aus Litauerin kehrte jedoch nicht in ihre Heimat zurück die nun dem Unterdrückungsregime der Sowjetunion ausgeliefert war, sondern blieb in Frankreich.

Start im neuen Leben

Der Start im neuen Leben war nicht leicht. Ona hatte beschlossen, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, und lehnte jede Hilfe ab. Als eine erste Arbeit als Geschirrspülerin plötzlich endete, fuhr sie nach Paris und fand eine Stelle als Wäscherin in einer Wäscherei. Später arbeitete sie als Puppenmacherin und schließlich endlich wieder als Bibliothekarin. Sie wäre wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens in Paris geblieben, wenn die Nachricht, dass sie noch lebte, nicht einige ihrer ehemaligen „Kinder” erreicht hätte, die nun in verschiedenen Ländern der Welt lebten. Sie baten sie, zu ihnen zu kommen und bei ihnen zu leben. Die hartnäckigste Korrespondentin war eine Mutter von zwei Kindern, die in Israel lebte. Jeder ihrer Briefe begann mit den Worten: „Meine liebe Mama, wann kommst du endlich zu uns?” Ona zögerte, wollte keine Last sein, gab aber schließlich den Bitten nach. Sie fuhr Frühjahr 1953 nach Israel wurde von vielen Menschen mit Blumen und Applaus empfangen. Drei Jahre lebte sie in dem Land,das vielen Juden, denen sie durch ihre Unterstützung das Leben gerettet hatte, zur neuen Heimat geworden war.

Nach Israel wieder in Frankreich 

1956 kehrte sie aber nach Frankreich zurück, ließ sich wieder in Paris nieder und verdiente ihren Lebensunterhalt erneut mit Wäschewaschen, dem Nähen von Puppen und der Arbeit in Bibliotheken. Von 1965 bis zu ihrem Lebensende lebte Ona Simaite in einem Pflegeheim für Senioren bei Paris. Schon ab 1950 hatte sie Tagebuch geführt, insgesamt 32 Bände, auf Litauisch, Russisch und Französisch. Der letzte Eintrag stammt vom 1. Januar 1970: „Zu Weihnachten hatte ich eine große Freude – einen Weihnachtsbaum wie aus einem Märchen […], viele Süßigkeiten, so viele Briefe und Bücher, die mir geschickt wurden. Ich weiß nicht, wann ich wenigstens „Danke” sagen kann. Dieses Jahr haben sich aus irgendeinem Grund so viele an mich erinnert. […] Wer wird all diesen lieben Menschen sagen, dass ich nicht mehr schreiben kann?“

Ona Simaite starb am 17. Januar 1970. Knapp vier Jahre zuvor, am 15. März 1966, hatte Yad Vashem sie als erste Litauerin Gerechte unter den Völkern anerkannt   In Litauen wird deshalb am 15. März immer der Rettung vieler Juden in der Zeit des Nationalsozialismus. 1987 wurde ihr zu Ehren in der Allee der Gerechten unter den Völkern in Yad Vashem ein Baum gepflanzt. Der Präsident der Republik Litauen, Valdas Adamkus, verlieh ihr posthum 2002 das Kreuz für die Rettung der Sterbenden. An der Universität von Vilnius wurde 2004 eine Gedenktafel zu ihren Ehren enthüllt, 2015 eine Straße in der Altstadt von Vilnius nach ihr benannt, und seit 2019 trägt die Stadtbibliothek von Akmene ihren Namen.

 

Biografien weiterer Gerechter unter den Völkern, die Häftlinge im KZ Dachau waren und andere interessante Artikel: Link

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